GERHARD DILGER, PORTO ALEGRE



Streit um Wasser

In Bolivien steht die deutsche Entwicklungshilfe in der Kritik

von Gerhard Dilger


La Paz (epd). Die Türen sind verrammelt, die Fenster hinter den Gittern mit Pappkartons verkleidet: In der bolivianischen Minenstadt Llallagua haben protestierende Bürger vor kurzem die Verwaltung des örtlichen Wasserwerks lahm gelegt. Sie befürchten, dass ein von Deutschland gefördertes Projekt einer Privatisierung der Wasserversorgung den Weg ebnet. Es nicht der einzige Konflikt um Wasser, in dem deutsche Entwicklungshilfe eine Rolle spielt.

Auch in der Großstadt El Alto sind die Gemüter erhitzt. Als Boliviens Regierung Anfang des Jahres beschloss, dem französischen Unternehmen Suez die Zuständigkeit für die städtische Wasserversorgung wieder zu entziehen, mahnte die deutsche Botschaft kritisch Rechtssicherheit für Investoren an. Die staatliche deutsche KfW-Bankengruppe legte einen Zehn-Millionen-Euro-Kredit für den Ausbau des Netzes, den die kurz zuvor in Aussicht gestellt hatte, auf Eis.

Kritisiert wird vor allem die deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). "Die GTZ bestimmt seit Jahren Boliviens Wasserpolitik", meint etwa Omar Fernández vom Verband der Bewässerungsbauern. "Sie ist mächtiger als viele Minister." Sein Vorwurf: Bei den Debatten um die Wassergesetzgebung hätten die deutschen Entwicklungsexperten Partei ergriffen, um privaten Wasserfirmen den Einstieg ins Geschäft zu ermöglichen.

"Unhaltbar" nennt Reinhard von Brunn, Leiter des bolivianischen GTZ-Büros, solche Vorwürfe: "Wir beraten nur." Zwar habe man nach 27-jähriger Präsenz im Land eine starke Position. Verantwortlich für die politischen Entscheidungen sei jedoch die Regierung. Die Argumentation der Privatisierungskritiker sei ideologisch, sagt er.

In Llallagua, einer Stadt mit 30.000 Einwohnern, will die GTZ durch eine "gemischte Aktiengesellschaft" eine effiziente Wasserversorgung sicherstellen: 30 Prozent der Anteile bleiben im Besitz der Kommune. Die übrigen 70 Prozent werden auf die Bevölkerung verteilt - jeder erwachsener Stadtbürger soll Teilhaber werden. Für dieses Modell stellte die KfW ein nicht rückzahlbares Darlehen von 8,6 Millionen Euro in Aussicht.

Rosario Paco vom Stadtteilkomitee Llallagua fürchtet jedoch, dass Privatfirmen die Anteile der Bevölkerung aufkaufen könnten. In der Folge würde das Wasser deutlich teurer. "Das ist unwahrscheinlich", entgegnet GTZ-Mitarbeiterin Cornelia Gerhardt und versichert: "Durch eine wirkliche Bürgerbeteiligung wird die soziale Kontrolle garantiert."

Viele Einwohner beklagen indes Vetternwirtschaft und fehlende Transparenz. Drei Jahre nach Vertragsunterzeichnung haben die Bauarbeiten noch nicht begonnen. Wie eh und je gibt es nur an jedem zweiten Tag für ein paar Stunden Wasser, das abgekocht werden muss. Die jahrzehntealten Leitungen sind marode.

Der Wasser-Streit in Llallagua spielt sich in einem ohnehin angespannten politischen Umfeld ab. Denn im ganzen Land ist die Stimmung explosiv. Viele Bolivianer wehren sich gegen die Ausbeutung ihrer Bodenschätze durch ausländische Unternehmen und fordern eine Verstaatlichung der Erdöl- und Erdgasquellen. Präsident Carlos Mesa steht derzeit unter dem gewaltigen Druck einer von Indianer-Vertretern getragenen Protestbewegung.

Wasser-Aktivist Fernández gibt sich kämpferisch. Die GTZ wolle ihr umstrittenes Modell nicht nur in Llallagua umsetzen, sondern auch in zwei weiteren Regionen: "Wenn sie weiterhin auf ihrem Privatisierungskurs besteht, werden wir ihren Abzug fordern." (02.06.05)