GERHARD DILGER, PORTO ALEGRE



Wahlpoker in Peru

Bei der Präsidentenwahl zeichnet sich ein offenes Rennen zwischen drei Kandidaten ab

Von Gerhard Dilger


Lima/Porto Alegre (epd). Es brandet Jubel auf, als der drahtige Mann die Bühne vor dem Sheraton-Hotel in der peruanischen Hauptstadt Lima betritt. "Man spürt es, man spürt es, Ollanta wird Präsident", skandieren Tausende. Wie ihr Idol tragen viele ein rotes T-Shirt mit der Aufschrift "Liebe zu Peru". Der 42-jährige Ollanta Humala, ein ehemaliger Oberstleutnant, bezeichnet sich stolz als Nationalist.

Die Präsidentenwahl an diesem Sonntag verspricht spannend zu werden. Von den 20 Kandidaten können sich nur noch drei ernsthafte Hoffnungen auf einen Wahlsieg machen: Humala, der nach den letzten Umfragen mit mehr als 30 Prozent in Führung liegt, die Konservative Lourdes Flores und der Sozialdemokrat Alan García, der von 1985 bis 1990 schon einmal Präsident war.

Humala ist die Überraschung des Wahlkampfes. Geschickt nutzte er die Frustrationen der vielen armen Peruaner, an deren Lage sich trotz der stabilen Wachstumsraten der letzten Jahre kaum etwas geändert hat.

"Der Kommandant sagt, dass er die Dinge ändern wird", sagt ein junger Arbeitsloser am Rande von Humalas Abschlusskundgebung in Lima. "Das brauchen wir, einen Wandel, denn uns geht es immer schlechter." Die Hälfte der rund 28 Millionen Peruaner lebt in Armut.

Er wolle dem neoliberalen Wirtschaftsmodell etwas entgegensetzen, hat Humala immer wieder betont. Ausländische Konzerne, die die Gold- und Kupfervorkommen des Andenlandes ausbeuten, will er stärker zur Kasse bitten und die Einnahmen für Sozialprogramme verwenden.

Auch vom Freihandelsabkommen mit den USA, das Staatschef Alejandro Toledo Ende 2005 aushandeln ließ, würden die Armen nicht profitieren, sagt Humala. Leiden würden vor allem die Kleinbauern. "Deswegen darf der Kongress das Abkommen nicht ratifizieren", fordert er.

Humala spielt zudem die Rolle des Außenseiters gegen das Establishment. Auf diese Karte haben bereits andere Präsidentschaftskandidaten erfolgreich gesetzt: Alejandro Toledo bei der letzten Wahl vor fünf Jahren und 1990 der damals völlig unbekannte Alberto Fujimori.

Wegen der grassierenden Korruption ist das Ansehen der Politiker in Peru auf dem Tiefpunkt. Über 90 Prozent der Peruaner, so eine neue Untersuchung, misstrauen dem Parlament und den Justizbehörden. Auch die Enttäuschung über Präsident Toledo ist groß. Der frühere Offizier Humala werde nun "Ordnung schaffen", hoffen seine Anhänger.

Gegen diese Grundstimmung tun sich seine Rivalen schwer. Die 46-jährige Anwältin Lourdes Flores, die ein konservatives Wahlbündnis anführt, sah lange wie die sichere Siegerin aus. Obwohl auch sie die soziale Frage in den Mittelpunkt ihres Wahlkampfs rückte und vor allem bei Frauen beliebt ist, wurde sie den Ruf nicht los, die "Kandidatin der Reichen" zu sein.

So könnte sie wie schon 2001 in letzter Minute von Alan García überrundet werden. Der 56-Jährige, ein mitreißender Redner und ausgebuffter Polit-Profi, verfügt mit der Mitte-Links-Partei APRA als einziger über einen erprobten Wahlkampfapparat. Dass seine Amtszeit vor zwei Jahrzehnten von Rekordinflation und Terrorismus überschattet war, versucht er durch einen pragmatischen Kurs zu überspielen.

"Die APRA steht für Brot und Freiheit", sagt García. "Demokratie mit Hunger, Arbeitslosigkeit und Auswanderung ist keine Lösung. Und Humala wäre ein gravierender Rückschritt für das Land, es gäbe weniger Entwicklung und Investitionen."

Dass der kommende Präsident schon am Sonntag ermittelt wird, gilt als unwahrscheinlich. Vieles spricht für eine Stichwahl am 7. Mai. (06.04.06)