GERHARD DILGER, PORTO ALEGRE



Wahlkampf mit Überraschungen

Kolumbiens Präsident Uribe und Herausforderer Gaviria streiten um Krieg und Frieden

Von Gerhard Dilger


Bogotá (epd). "Wir begrüßen den kommenden Präsidenten Kolumbiens", schallt es aus Lautsprechern im Kongresszentrum der Andenstadt Neiva. Die Menge empfängt den Kandidaten mit tosendem Jubel, gelben Fähnchen und Luftballons. Carlos Gaviria von der Linkspartei "Demokratischer Alternativer Pol" gibt sich selbstbewusst. Der 69-Jährige ist ein chancenreicher Herausforderer des konservativen Staatschefs Álvaro Uribe bei der Präsidentenwahl am Sonntag in Kolumbien.

Die Kandidatur des ehemaligen Richters Gaviria hat das politische Koordinatensystem des südamerikanischen Landes durcheinandergewirbelt. Den liberalen Mitbewerber Horacio Serpa hat Gaviria in der Wählergunst bereits überrundet. Amtsinhaber Uribe geht als Favorit in die Wahl, aber er könnte in der ersten Runde am Sonntag die erforderliche absolute Mehrheit verfehlen. Die knapp 27 Millionen Stimmberechtigten haben die Wahl zwischen insgesamt sechs Kandidiaten.

"Die neue Einheit der demokratischen Linken erlaubt uns, Uribes reaktionäres Projekt zu bekämpfen", ruft Gaviria. "Wir wollen eine andere Politik, ohne Populismus und Demagogie." Der bedächtige Mann mit wallendem weißen Haar und Vollbart, der nach einer langen Universitätskarriere und seinem Amt als oberster Verfassungsrichter vor vier Jahren in den Senat einzog, ist kein Berufspolitiker. Auch deshalb gewinnt er im Bürgerkriegsland Kolumbien Zustimmung.

Zur Richtlinie seines Regierungsprogramms hat Gaviria die Verfassung aus dem Jahr 1991 mit ihrer Betonung der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechte erklärt: "Gegen die perverse Politik Uribes zugunsten einer kleinen Minderheit setzen wir auf Wohlstand für die Armen, für die Ausgeschlossenen, für die Mehrheit der Kolumbianer", sagt er. "Nur so lässt sich der Frieden erreichen".

Uribe hingegen will seinen harten Kurs gegen die "Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens" (FARC) fortsetzen, dem er seine anhaltende Popularität vor allem verdankt. "Ich bin für die Guerilla der meistgehasste Präsident, weil ich sie am meisten bekämpft habe", ruft er vor seinen begeisterten Anhängern in Bogotá. "Es sind Terroristen, die die Demokratie ermorden."

Mit Milliardenhilfe aus Washington hat der 53-Jährige die Rebellen, die sich mit Entführungen und Drogenhandel finanzieren, in die Defensive gedrängt. In den Städten und auf den Landstraßen hat sich die Sicherheitslage spürbar verbessert. Selbst Gaviria räumt ein, Uribes Politik der "demokratischen Sicherheit" habe einige Erfolge gezeitigt. Doch er hält dem Staatschef vor, die sozialen Ursachen des seit 40 Jahren andauernden Konflikts zu ignorieren.

Neuerdings hat auch Uribe Friedensgespräche in Aussicht gestellt. Die politisch weitgehend isolierte FARC lehnt dies als "wahltaktischen Opportunismus" ab. Der Präsident habe die Haltung eines Großgrundbesitzers und sei ein treuer Gefolgsmann der USA, erklärten die Aufständischen wenige Tage vor der Wahl. Die harte Haltung der FARC hat offenbar schon 2002 zu Uribes Sieg beigetragen. Immerhin wollen die Rebellen dieses Mal die Wahl nicht mit Anschlägen sabotieren. (25.05.06)