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GERHARD DILGER, PORTO ALEGRE
Faszination der Utopien
Mario Vargas Llosa stellt seinen neuen Roman über das Streben nach einer vollkommenen Welt vor
von Gerhard Dilger
Buenos Aires (epd). Sie kämpfte für Frauenrechte und Sozialismus, er fuhr in die Südsee und revolutionierte die europäische Malerei. Flora Tristán und ihr Enkel Paul Gauguin suchten auf ganz unterschiedliche Art die "perfekte Welt", sagt Mario Vargas Llosa. In seinem neuen Roman "El paraíso en la otra esquina" (Das Paradies an der anderen Ecke) hat der spanisch-peruanische Schriftsteller Leben und Wirken der beiden Rebellen einfühlsam nachgezeichnet.
In 22 Kapiteln verschränkt Vargas Llosa die Biografien der peruanisch-französischen Sozialreformerin und des französischen Künstlers: In ihrem Todesjahr 1844 reist Flora Tristán unermüdlich durch Frankreich. Von Polizeispitzeln verfolgt, wirbt sie vor Arbeitern und Unternehmern, bei Intellektuellen und Bischöfen für ihre "Arbeiterunion", eine sozialstaatliche Ordnung, in der Frauen und Männer die gleichen Rechte genießen.
Der zivilisationsmüde Paul Gauguin hingegen zieht sich in den letzten elf Jahren seines Lebens in die Südsee zurück. Die Inselbewohner stehen bereits unter dem Regiment von Missionaren und Kolonialbeamten, doch sie inspirieren den Maler zu seinen eindrucksvollsten Werken.
Vargas Llosa stellte seinen Roman, der im Frühjahr 2004 auch auf Deutsch erscheinen soll, jetzt auf der Buchmesse von Buenos Aires vor. Das Thema hatte er seit seiner Studentenzeit mit sich herumgetragen, denn die Tristáns waren die mächtigste Familie im peruanischen Arequipa, seinem Geburtsort - und gerade dort wandelte sich die 30-jährige Flora zur Aktivistin.
Die antibürgerlichen Utopisten Tristán und Gauguin hätten ihn trotz ihrer "enormen Naivität" gleichermaßen fasziniert, sagte der 67-jährige Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, der immer wieder für den Literaturnobelpreis gehandelt wird.
Die "große Träumerin" Tristán habe den Kampf um Frauenrechte auf die Tagesordnung gesetzt habe, so Vargas Llosa. Gauguin sei es gelungen, die Kunstszene Europas aus ihrer Selbstbezogenheit zu rütteln: "Auch er hat das Paradies nicht gefunden, aber letztlich hat er es in seiner Malerei geschaffen."
Die "perfekte Welt voller Logik und Schönheit" hält der Autor und überzeugte Liberale nur in der Kunst für möglich. In der Politik hingegen seien Utopien gefährlich, das hätten die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts gezeigt. Sozialen Fortschritt könne man nur durch Realismus und Pragmatismus erreichen, "ohne die Gegenwart der Zukunft zu opfern". So erklärt sich wohl auch Vargas Llosas überraschende Diagnose Lateinamerikas: "Vieles läuft schief, aber nie stand es besser als heute."
Seit seinem gescheiterten Anlauf als Präsidentschaftskandidat 1990 in Peru hat sich Vargas Llosa aus der Politik zurückgezogen. Als streitbarer Intellektueller und Essayist kommentiert der frühere Linke und heutige Liberale gleichwohl weiterhin gerne das Tagesgeschehen. Als Autor macht er sich für eine engagierte Literatur stark, die eine Waffe für Menschenrechte, Freiheit und Gerechtigkeit sein soll: "Ich empfinde einen tiefen Widerwillen gegen Bücher, in denen nichts Wichtiges erzählt wird." (07.05.03) |