GERHARD DILGER, PORTO ALEGRE



Befrieden statt spalten

40 Jahre nach dem Putsch in Brasilien bleiben die Verbrechen der Militärs ungesühnt

von Gerhard Dilger


Porto Alegre (epd). Wenige Tage, bevor sich am 31. März der Militärputsch in Brasilien zum 40. Mal jährt, setzte Präsident Luiz Inácio Lula da Silva ein wichtiges Zeichen. Per Dekret erweiterte er den Kreis der Opfer der Diktatur (1964-1985), deren Familien Entschädigungen erhalten können. Bislang wurden Zahlungen an 286 Angehörige bewilligt. Weitere 19 Familien können jetzt ebenfalls auf eine Entschädigung von umgerechnet bis zu 42.000 Euro hoffen.

Menschenrechtsminister Nilmário Miranda begrüßte die neue Regelung. Sie sei eine "große Errungenschaft", sagte er dem epd. Wie mehrere seiner Kabinettskollegen hatte der Menschenrechtler Miranda selbst die Kerker des Militärregimes als Häftling kennen gelernt. Aber die Vergangenheitsbewältigung steht in Brasilien auch jetzt nicht auf der Tagesordnung - ganz anders als etwa in Argentinien, Peru oder Chile.

"Wir lassen uns von den Prinzipien der Versöhnung und der nationalen Befriedung leiten", sagt der brasilianische Menschenrechtsminister. Den Streit um Dinge, die "zur Geschichte und nicht mehr zur Gegenwart gehören", dürfe man nicht mehr neu beleben. Seine Regierung wird vor allem wegen ihres Umgangs mit einem der düstersten Kapitel der Diktatur kritisiert: Es geht um die Vernichtung der Araguaia-Guerilla, die Anfang der siebziger Jahre nach chinesischem Vorbild die Revolution von Ostamazonien aus in die Städte tragen wollte.

Doch die "Revolutionsarmee" aus nur 69 Männern und Frauen war denkbar schlecht ausgerüstet. Sie bestand aus meist jungen Kommunisten. Die meisten wurden 1973 und 1974 von Regierungssoldaten gefangen genommen, gefoltert und ermordet.

Criméia Schmidt de Almeida überlebte. Die gelernte Krankenschwester verließ das Amazonasgebiet hochschwanger und wurde im Dezember 1972 in São Paulo verhaftet. In einem Militärgefängnis von Brasília brachte sie einen Sohn zur Welt. Ihr Mann und ihr Schwiegervater kamen im Araguaia-Gebiet um. Sie gehören zu jenen 136 "Verschwundenen" der Diktatur, die 1995 offiziell anerkannt wurden.

Sieben Mal war die heute 56-Jährige in Amazonien, um sich an der Suche nach den sterblichen Überresten von Guerilleros zu beteiligen. Vor wenigen Wochen begleitete sie eine siebentägige Mission von Geologen, Medizinern und argentinischen Anthropologinnen. Vier ehemalige Soldaten hatten behauptet, genaue Hinweise auf die Gräber von Rebellen zu haben. Über 1.000 Quadratmeter wurden umgegraben - vergebens. "Ich kam mir vor wie in einem Zirkus, der für die Medien veranstaltet wurde", sagt Criméia de Almeida.

"Für mich ist es weniger wichtig, ob noch Knochen gefunden werden", erklärt dagegen Elizabeth Silveira e Silva, die Vorsitzende der Menschenrechtsgruppe "Nie mehr Folter" in Rio de Janeiro. Es gehe vielmehr darum, die Todesumstände der Guerilleros aufzuklären und die Verantwortlichen für Folter und staatlichen Mord vor Gericht zu stellen. An einer selbstkritischen Aufarbeitung des bewaffneten Kampfes sei aber auch die Kommunistische Partei, die heute zwei Minister stellt, nie interessiert gewesen.

Besonders enttäuscht waren die beiden Frauen, als die Regierung Lula im vergangenen August die Öffnung der Militärarchive zu den Vorgängen im Araguaia-Gebiet verhinderte, die eine Richterin angeordnet hatte. "Lula will sich nicht mit den Militärs anlegen", analysiert Criméia de Almeida bitter. Menschenrechtsminister Miranda hält dagegen: "Die Streitkräfte gehören zu den meistgeachteten Institutionen Brasiliens." (26.03.04)