GERHARD DILGER, PORTO ALEGRE



Eine Frage der Klasse

Gute Bildungschancen sind in Brasilien ein Vorrecht der Reichen

von Gerhard Dilger


Porto Alegre (epd). Der Pausengong ertönt. Erstklässler stürmen in den Speisesaal, schnappen sich Löffel und blaue Plastikteller. Hastig schlingen sie ihre Portion Schinkennudeln herunter und stürmen auf den Schulhof. "Wenn wir nicht so ein gutes Essen hätten, käme ein Fünftel der Schüler erst gar nicht her", sagt Vânia Rocha. Die 49-jährige Lehrerin ist stellvertretende Leiterin der Nachmittagsschicht.

Die Escola Venezuela in der Großstadt Porto Alegre ist eine staatliche Grundschule wie viele in Brasilien - ein graues, schmuckloses Gebäude mit viel zu kleinen Klassenzimmern, in denen bis zu 35 Kinder zusammengedrängt werden. Zum Schutz vor Einbrechern hat die Schulleitung sämtliche Fenster vergittern lassen.

Wegen der kärglichen Bezahlung und der geringen Fortbildungsmöglichkeiten sind die Pädagoginnen frustriert. Umgerechnet nicht einmal 200 Euro im Monat verdient eine Lehrerin. Viele arbeiten an zwei, manche sogar an drei Schulen. Männer sind in diesem Beruf die große Ausnahme.

"70 Prozent der Schüler kommen aus kaputten Familien", sagt Rocha. Fast alle wohnen in den Armenvierteln in der Nähe. Die Schule ist für viele kaum mehr als eine Aufbewahrungsanstalt. Vor allem mit den Jugendlichen ist ein geregelter Unterricht kaum möglich. In jeder Klasse säßen mehrere verhaltensgestörte Schüler, klagt die Lehrerin: "Früher gab es noch Respekt, aber der allgemeine Werteverfall ist nicht zu übersehen".

Die acht Grundschuljahre schaffen nur vier von fünf Schülern. In ganz Brasilien liegt die Abbrecherquote sogar bei 33 Prozent. Und von allen 15-jährigen Schülern, so wurde in der PISA-Studie ermittelt, kann nur jeder zweite richtig lesen. Damit lag Brasilien unter 41 erfassten Ländern im Schlussfeld, vor Peru, aber noch hinter Mexiko, Argentinien und Chile.

Die brasilianische Bildungsmisere wurzelt in der Kolonialzeit und der Sklaverei. "Die Geschichte unseres Schulsystems ist ein ständiger Kampf gegen dieses Erbe der Rückständigkeit", sagt die Historikerin Maria Luiza Marcílio von der Universität São Paulo. Heute sei nicht mehr der Mangel an Schulen das Hauptproblem, sondern ihre schlechte Verteilung und das katastrophale Niveau, das sich an den hohen Quoten von Sitzenbleibern, Schulabbrechern und "funktionalen Analphabeten" ablesen lasse.

Wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder auf eine teure Privatschule. Erziehungsminister Cristovam Buarque resümiert nüchtern: "Die Regierung tut so, als würde sie gut bezahlen, der Lehrer tut so, als würde er unterrichten, und der Schüler tut so, als würde er lernen."

Brasilien müsse vor allem "in die Köpfe, die Herzen und die Brieftaschen der Lehrer investieren", sagt Buarque. Das koste in den nächsten 15 Jahren so viel wie zwei Großstaudämme, rechnet der gelernte Ökonom vor. Viel teurer sei es allerdings, die Folgen eines mangelhaften Schulwesens aufzufangen.

Nach dem Vorbild Südkoreas, Irlands oder Spaniens, dreier Länder, die vor Jahrzehnten mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hatten wie heute Brasilien, fordert der Minister eine "nationale Koalition für die Bildung". Bis zum 200. Jahrestag der politischen Unabhängigkeit Brasiliens im Jahr 2022 könne solch ein Projekt verwirklicht werden - das, so Buarque, wäre die "endgültige Befreiung von der Sklaverei". (04.09.03)