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GERHARD DILGER, PORTO ALEGRE
Mesa macht den Schröder Boliviens Präsident will durch Wahlen aus der Krise - Mit der Einberufung von Wahlen zu einer verfassunggebenden
Versammlung versucht Boliviens Präsident, die innenpolitische
Krise zu entschärfen - doch links wie rechts stößt er
auf Skepsis und Ablehnung.
von Gerhard Dilger
Vorgestern kurz vor Mitternacht wandte sich
Boliviens Staatschef Carlos Mesa per Fernsehen an sein
Volk. Überraschend kündigte er die Wahl einer
verfassunggebenden Versammlung für den 16.Oktober an.
Zugleich solle das Volk über mehr Autonomie für die Regionen
abstimmen. Er habe sich zu diesem Schritt entschlossen,
um die »Einheit des Vaterlandes« zu wahren. »Bolivien
ist in einer hochriskanten Lage«, sagte Mesa. Tatsächlich
könnte das Land an den Spannungen zwischen der
armen indigenen Bevölkerungsmehrheit des Andenhochlandes
und der Oberschicht im reicheren Südosten zerbrechen.
Die Demonstranten, die zu Zehntausenden seit
Tagen die Innenstadt von La Paz blockieren und in acht
Regionen Straßensperren errichtet haben, sollten jetzt
ihre Proteste einstellen, appellierte Mesa. Vorausgegangen
war seinem Vorstoß eine turbulente Parlamentssitzung.
Trotz vielfältiger Vermittlungsbemühungen waren
die rechten Traditionsparteien nicht bereit, die verfassunggebende
Versammlung mit der nötigen Zwei-Drittel-Mehrheit
einzuberufen. Daraufhin blockierte die Bewegung zum Sozialismus
(MAS) von Oppositionsführer Evo Morales eine Abstimmung
über die Autonomie der Regionen und Kongresspräsident
Hormando Vaca Díez schickte die Parlamentarier in eine
viertägige Zwangspause. Unter Polizeischutz und Beschimpfungen
der demonstrierenden Kleinbauern verließen sie
das Kongressgebäude.
Morales bezeichnete Mesas Vorstoß zur Wahl einer
verfassunggebenden Versammlung als interessant,
aber er komme zu spät. Nur der Kongress könne über die
Einberufung eines solchen Gremiums entscheiden.
In Santa Cruz, Hochburg der konservativen Autonomiebewegung,
war die Ablehnung einhellig. »Der Präsident darf nicht
wie damals Fujimori in Peru das Parlament überrollen«,
schimpfte Unternehmerfunktionär Gabriel Dabdoub,
»das ist verfassungswidrig.« Mesa sei vor der MAS eingeknickt,
schrieb die Zeitung »El Nuevo Día«: »Alle wollen
Frieden, aber wollen wir den Frieden von Evo Morales?«
Auch in den sozialen Bewegungen überwiegen Skepsis
und Unzufriedenheit. »Weder Regierung noch Parlamentarier
können jetzt irgendetwas garantieren«, sagte Bauernführer
Román Loayza und forderte vorgezogene Neuwahlen. Gestern
wollten die Sprecher der Demonstranten über ihr weiteres
Vorgehen beraten. »Wahrscheinlich geht die Mobilisierung
weiter, bis der Kongress entscheidet«, sagte Abel
Mamani, Vorsitzender der Stadtteilkomitees von El Alto,
gegenüber ND. »Das Volk will die Nationalisierung
des Erdgases, eine gerechte Verteilung unseres Reichtums.«
Wie Mitte Mai, als Mesa ein umstrittenes Erdgas-Gesetz
widerwillig passieren ließ, hat er möglicherweise
den geeigneten Zeitpunkt längst verpasst, meinen Beobachter
in La Paz. Die Zeitbombe Bolivien ist noch nicht entschärft.
Neues Deutschland, 04.06.05
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