|
GERHARD DILGER, PORTO ALEGRE
Chronist der Schiffbrüchigen Der brasilianische Meisterfotograf Sebastião Salgado wird 60 Jahre alt
Von Gerhard Dilger
Porto Alegre (epd). Sebastião Salgado entdeckt und enthüllt die "große Odyssee unserer Zeit", urteilt der uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano über den brasilianischen Starfotografen. "Jene Reise, auf der Schiffbrüchige zahlreicher sind als jene, die noch Kurs halten". Galeanos Worte über "Migranten", das Großprojekt Salgados in den 90er Jahren, lassen sich ohne weiteres auf das Gesamtwerk des sozial engagierten Fotografen beziehen: "Er ist ein Künstler: ein Mann, der sieht, und dadurch uns hilft zu sehen." Am 8. Februar wird Sebastião Salgado 60 Jahre alt.
Salgado ist das Gegenteil eines Sensationsreporters. Er fährt in Kriegsgebiete, wenn sie längst aus den Schlagzeilen der Weltpresse verschwunden sind. Er nimmt sich Zeit für die Menschen, deren Geschichten er erzählt. Selbst die Ärmsten der Armen bewahren auf seinen Bilder ihre Würde und Schönheit. Den hin und wieder geäußerten Vorwurf, er ästhetisiere das Elend, weist er von sich: "Mir kommt es sehr grausam vor, dass die Menschen denken: Was hart ist, muss auch so dargestellt werden."
Geboren wurde Salgado am 8. Februar 1944 in Aimorés, einer ländlichen Gemeinde im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais. Nach einem Wirtschaftsstudium in São Paulo, Vanderbilt (USA) und Paris arbeitete er ab 1971 für die Internationale Kaffeeorganisation in London. Auf seinen Dienstreisen nach Afrika entdeckte er die Fotografie, 1973 wurde Salgado Fotoreporter. Jahrelang arbeitete der Vater von zwei Söhnen für die Agentur Magnum, 1994 machten er und seine Frau Lélia Wanick sich mit der Agentur "Amazonas Images" selbstständig. Salgado lebt in Paris.
Von dort aus reist der kahlköpfige, jungenhaft wirkende Brasilianer bis zu neun Monate im Jahr um die Welt, um die Auswirkungen jenes Umbruchs festzuhalten, der mit dem Schlagwort "Globalisierung" nur unzureichend beschrieben ist. Für die Projekte "Arbeiter - Zur Archäologie des Industriezeitalters" (1986-1992) und "Migranten" (1993-1999) fotografierte er die Arbeitswelt sizilianischer Fischer, polnischer Werftarbeiter und kubanischer Zuckerrohrschneider. Salgado dokumentierte die Folgen der Kriege in Ostafrika und auf dem Balkan oder der Landflucht in Brasilien, Indien und Indonesien.
"Mein Stil ist mainstream, traditionell", sagt er. "Meine Art zu Fotografieren ist einfach, normalerweise habe ich einen zentralen Fokus auf meinen Bildern. Licht - das begeistert mich. Barockes Licht." Seine Fotos, urteilt Salgado, seien von einer "lateinamerikanischen Weltsicht" geprägt.
In seinem ersten Bildband über Lateinamerika aus dem Jahr 1986 noch verzichtete Salgado auf jegliche Kommentare zu den Fotos und beschränkte sich auf die Darstellung des Lebens auf dem Lande. Damit kam er jedoch einer Rezeptionsweise entgegen, die das Klima, die Landschaft oder die Armen in Entwicklungsländern selbst für ihr Elend verantwortlich macht.
"Erst bei der Beschäftigung mit dem Buch 'Arbeiter' begriff ich, dass sich die Welt in eine bestimmte Richtung entwickelt", sagt er rückblickend. Salgado wurde politischer. Das drückte sich in einer breiteren Themenwahl aus, der Abfolge der durchgängig in Schwarz-Weiss gehaltenen Fotos in Büchern und Ausstellungen, schließlich in den Erläuterungen zu den Bildern.
In seinem Buch "Terra" (1996) beispielsweise mündet die Armut des brasilianischen Nordostens in eine unkontrollierte Urbanisierung, aber auch in den politischen Kampf der Landlosenbewegung, den er bis heute unterstützt. Die weltweite Kampagne zur Ausrottung der Kinderlähmung in Afrika und Südasien hat er in seinem letzten Buch dokumentiert. Und in seiner Heimatgemeinde in Minas Gerais hat der Fotograf mit seiner Frau ein Projekt zur Wiederaufforstung des Regenwaldes gegründet, der dort bereits zu 93 Prozent vernichtet worden ist.
Indem Sebastião Salgado einfühlsam die Schattenseiten der Globalisierung dokumentiert, ist er einer der bekanntesten Aktivisten für eine "andere Welt" geworden. Ohne je in billige Polemik oder moralische Überheblichkeit zu verfallen, provoziert er mit seinem Werk Diskussionen.
Zurzeit arbeitet Salgado an einem auf acht Jahre angelegten Projekt mit dem Arbeitstitel "Schöpfungen". "Es besteht eine umfassende Beziehung zwischen den großen Menschheitsproblemen, die ich fotografiert habe, und den ökologischen Katastrophen", hat er beobachtet. "Elend und Verwüstung sind Zwillinge. Wo das Elend die Tragödie ist, pflegt die Verwüstung das Bühnenbild abzugeben." (26.01.04)
|