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GERHARD DILGER, PORTO ALEGRE
In der Sackgasse Erneut Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Polizei
Von Gerhard Dilger, Porto Alegre
Bolivien kommt nicht zur Ruhe. In La Paz fanden
die größten Demonstrationen seit Oktober 2003 statt.
Über 20 000 Menschen - Bürger aus der nahe
gelegenen Großstadt El Alto, Kleinbauern, Gewerkschafter,
Bergarbeiter und Studenten - forderten erneut
eine Verstaatlichung der Erdgas- und Erdölquellen sowie
die Einberufung einer Verfassunggebenden Versammlung.
Die Polizei ging mit Tränengas und Wasserwerfern
gegen Demonstranten vor. Mindestens drei Menschen wurden
verletzt und sechs festgenommen.
Präsident Carlos Mesa und Oppositionsführer Evo
Morales hatten gehofft, dass das Parlament am Dienstag
über die Einberufung zur Verfassunggebenden Versammlung
entscheidet - und über eine Volksabstimmung zur
Autonomie der Regionen, eine Forderung aus dem ostbolivianischen
Santa Cruz.
Doch Parlamentspräsident Hormando Vaca Díez,
der vor zwei Wochen eine Sitzungspause angeordnet
hatte, machte ihnen einen Strich durch die Rechnung: Ebenso
wie viele seiner Kollegen tauchte er gar nicht
zur Sitzung auf, die er selbst angesetzt hatte - angeblich
aus Angst vor den Demonstranten. Daraufhin forderten
die anwesenden 66 Parlamentarier, meist Anhänger des Präsidenten
oder Mitglieder von Morales' »Bewegung zum Sozialismus« (MAS),
seinen Rücktritt. Um den Kongress zu einer Entscheidung zu drängen,
rief Bauernführer Román Loayza zu Straßensperren auf.
Die Krise spitzt sich zu, weil sich nach der Verabschiedung
eines neuen Erdgasgesetzes weder Präsident Mesa noch der Kongress
als handlungsfähig erweisen. Zudem geht den Volksbewegungen das
Gesetz, durch das sich die Staatseinnahmen mehr als verdoppeln
dürften, nicht weit genug. »In El Alto will man nicht einsehen,
dass man die Multis nicht rausschmeißen kann«, brachte der MAS-Abgeordnete
Gustavo Torrico die Position seiner Partei auf den Punkt.
Jaime Solares vom Gewerkschaftsdachverband plädierte
hingegen für die Auflösung des Parlaments und die Machtübernahme
durch einen »ehrlichen Militär«, und über das Fernsehen forderten
letzte Woche zwei Offiziere den Staatschef zum Rücktritt auf.
Der wiederum drohte den Demonstranten mit dem Einsatz der Armee.
Derweil machen Verschwörungsgerüchte die Runde: Regierungssprecher
behaupten, die Proteste würden von rechts finanziert, um einen
Putsch zu provozieren. Und bei einem Rücktritt Mesas käme der
Favorit der ostbolivianischen Oberschicht zum Zug: Kongresspräsident
Vaca Díez.
Neues Deutschland, 02.06.05
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