GERHARD DILGER, PORTO ALEGRE



Aufbruch mit Poncho und Krawatte

Evo Morales wird als erster indianischer Präsident Boliviens gefeiert

Von Gerhard Dilger


La Paz (epd). Eugenio Conurana ist überglücklich. Acht Stunden Busfahrt hat der 60-jährige Kleinbauer aus der bolivianischen Provinz Pando auf sich genommen, um bei der Amtseinführung von Evo Morales dabei zu sein. "Wir hoffen, dass Evo den Reichtum unseres Landes gerechter verteilen wird", sagt Conurana, der ein Foto des neuen Präsidenten an seinen dunklen Filzhut gesteckt hat.

Wie er unterstützt derzeit eine große Mehrheit der Bolivianer den frisch vereidigten Staatschef, der im Dezember mit 54 Prozent einen überraschend klaren Wahlsieg errungen hatte. Durch sein selbstbewusstes Auftreten in vier Kontinenten hat der 46-jährige Sozialist auch zu Hause Eindruck gemacht.

Die Feiern zu seinem Amtsantritt am Wochenende wurden zu einem weiteren Höhepunkt in der erstaunlichen Karriere des früheren Lamahirten, Trompeters und Kokabauern: Der Aymara Morales ist der erste indianische Präsident in der Geschichte des seit 1825 unabhängigen Landes, und die Bolivianer begingen diesen historischen Einschnitt mit entsprechendem Stolz.

In der Ruinenstadt Tiwanaku, unweit des Titicacasees, waren am Samstag 20.000 Menschen zusammengeströmt, viele von ihnen im farbenfrohen Festtagsgewand. Dort fand die andine Zeremonie statt, durch die Morales zur obersten Autorität der Indianer Boliviens ernannt wurde. "Heute bricht für die indigenen Völker der Welt eine neue Epoche an", rief Morales in seinem roten Poncho. "In diesem neuen Leben suchen wir Gleichheit und Gerechtigkeit." 500 Jahre Widerstand gingen zu Ende.

Der Amtsantritt des indianischen Staatschefs strahlt auf den Subkontinent aus. "Morales' Triumph gibt uns enormen Auftrieb", sagt Luis Macas der Vorsitzende des indianischen Dachverbandes CONAIE in Ecuador. "Er ist ein Sieg der Demokratie und eröffnet die Chance, dass die Ureinwohner den Wandel vorantreiben."

Tags darauf, am Sonntag, empfing Morales in La Paz die Amtsschärpe mit erhobener Faust und Tränen in den Augen. Zu Beginn seiner Rede bat er um eine Schweigeminute für die "Märtyrer der Befreiung", darunter den Aymara-Rebellen Túpac Katari und den 1967 in Bolivien getöteten Guerillero Ernesto "Che" Guevara.

Morales sagte, sein Wahlsieg sei auch eine "kulturelle und demokratische Revolution", ein Ergebnis früherer Kämpfe. "Ich will mit dem Erbe meiner Vorfahren regieren: nicht stehlen, nicht lügen, nicht feige sein." In einem Triumphzug legte er die wenigen hundert Meter vom Kongressgebäude bis zum "Heldenplatz" zurück, wo noch im Oktober 2003 ein Massenprotest gegen die Energiepolitik der damaligen Regierung blutig niedergeschlagen worden war.

Zehntausende Bergleute, Kokabauern, Studenten und Marktfrauen jubelten Morales und seinem Vize Álvaro García Linera zu, einem Linksintellektuellen, der das angekündigte "Bündnis zwischen Poncho und Krawatte" perfekt machte. "Ich traue Morales zu, dass er die Feindseligkeiten der letzten Jahre überwinden und unser Volk wieder einen kann", sagt der Polizist Roberto Sánchez. (23.01.06)