GERHARD DILGER, PORTO ALEGRE



Sojabauern gegen Landlose

Beim Landkonflikt im Osten Paraguays sind die Fronten verhärtet

von Gerhard Dilger


Asunción (epd). Auf den ersten Blick scheint alles in Ordnung. Bei Vaquería, einem abgelegenen Städtchen im Osten des Agrarlands Paraguay, wird die Sojaernte eingebracht. Ademir Oppermann beobachtet, wie ein Arbeiter einen modernen Mähdrescher über das Feld lenkt. Doch dann sagt der hagere 43-Jährige: "Ich bin froh, dass sie mein Feld nicht angezündet haben."

In der Region ist ein heftigen Konflikt um Land ausgebrochen: Auf der einen Seite stehen Landlose, auf der anderen Seite brasilianische Einwanderer wie Oppermann, so genannte Brasiguayos. Ihr Streit hat eine komplexe Vorgeschichte.

"1979 ist mein Vater mit seinen 11 Kindern hierher gekommen", erzählt Oppermann. In Südbrasilien hatte die Familie zwei Hektar Land und keine Zukunft. In ihrer neuen Heimat - dem Dörfchen Santa Clara bei Vaquería - brachte sie es durch harte Arbeit zu bescheidenem Wohlstand.

Die weitläufigen, hügeligen Sojafelder, von denen Santa Clara umgeben ist, gehören allerdings nicht den Kolonisten, sondern reichen Großgrundbesitzern. Deshalb gingen Ademir Oppermann und seine Brüder dazu über, in Vaquería weitere Parzellen hinzuzukaufen, "für unsere Kinder", wie er sagt.

Doch jenes Land war eigentlich für die Agrarreform der Regierung bestimmt. Daher zogen vor zwei Jahren Hunderte landlose Paraguayer nach Vaquería und besetzten Grundstücke, darunter jene, die die Brasiguayos zuvor erworben hatten. Beide Gruppen fühlen sich im Recht. Ihren Streit tragen sie immer verbitterter aus.

Vor wenigen Monaten erwirkten die Brasiguayos einen Räumungsbefehl. "Wir bezahlten die Richterin, die Anwälte und die Sicherheitskräfte", bekennt Oppermann freimütig. Unter dem Schutz von Polizisten und Soldaten kamen die Brasiguayos und ihre Helfer und steckten 46 Hütten der Landlosen in Brand. Dann verwüsteten sie ihre Mais- und Maniokfelder.

"Noch heute fangen die Kinder zu weinen an, wenn sie Fremde sehen", sagt Lidia Severo, eine 20-jährige Landbesetzerin. Alle Familien sind geblieben. Ihre ganze Hoffnung liegt darin, jene Parzellen zugesprochen zu bekommen, auf denen sie so lange ausgeharrt haben.

"Es ist ein strategischer Konflikt zwischen der kleinbäuerlichen Landwirtschaft und dem Gensoja-Modell", meint der Bauernführer Jorge Galeano, einer der Organisatoren der Land-Besetzung. Denn an der Expansion der Brasiguayos verdienen Großfirmen wie der Gentech-Multi Monsanto. Das Unternehmen verkauft genetisch verändertes Soja-Saatgut und das dazugehörige Pflanzengift "Roundup". In den letzten Jahren ist Gensoja zum wichtigsten Devisenbringer des Landes geworden.

Auch immer mehr Kleinbauern erliegen dem Reiz des vermeintlich schnellen Geldes. In Vaquería bauen viele jetzt auf dem größten Teil ihrer Parzellen die proteinhaltigen Bohnen an. Saatgut, Pestizide und Maschinen leihen ihnen die Brasiguayos. So versuchen sie der Armut zu entkommen, denn unter den schwankenden Weltmarktpreisen oder den Folgen der jüngsten Trockenheit haben die Kleinbauern am meisten zu leiden. Für ihre neuen Nachbarn, die noch ärmeren Landlosen, haben sie nur Verachtung übrig. (17.03.05)