GERHARD DILGER, PORTO ALEGRE



Schillernder Außenseiter

Ollanta Humala gewinnt erste Runde der Präsidentenwahl in Peru

Von Gerhard Dilger


Porto Alegre (epd). Ist er ein linker Nationalist oder ein autoritärer Führer? Ein ehrlicher Anwalt der Armen oder ein geschickter Scharlatan? Der 42-jährige Ollanta Humala, ein Neuling in der peruanischen Politik, weckt Hoffnungen und Ängste zugleich. Am Sonntag gewann er in der Präsidentenwahl die meisten Stimmen.

Aller Voraussicht nach wird eine Stichwahl in ein paar Wochen fällig. Ihr Ausgang gilt als völlig offen. Auch viele der 28 Millionen Peruaner rätseln, wie ein Präsident Humala regieren würde. Er lässt viele Fragen offen. Dass er eine neoliberale Wirtschaftspolitik ablehnt und stattdessen Sozialprogramme mit Einnahmen aus Rohstoffexporten finanzieren will, nimmt man ihm zwar ab. Doch wie will er das ohne politische Erfahrung und ohne eine mit ihm gewachsene Partei schaffen?

Ähnlich wie Alberto Fujimori 1990 und der scheidende Amtsinhaber Alejandro Toledo 2001 hat sich Humala bisher bewusst als Außenseiter in der Politik Perus in Szene gesetzt. Das ist ein Erfolgsrezept in einem Land, wo nicht einmal jeder Zehnte den Politikern und der Justiz vertraut. "Humala ist ein ehrlicher Militär, der räumt mit diesem korrupten Pack auf", diesen Satz hört man immer wieder in Limas Elendsvierteln und im Andenhochland.

Doch anders als die damaligen Wahlkämpfer Fujimori und Toledo ist Humala kein ganz unbeschriebenes Blatt mehr. Im Oktober 2000 führte er mit 50 Gleichgesinnten eine Revolte gegen den Autokraten Fujimori an. Militärisch war sie ein Fehlschlag, aber politisch ein voller Erfolg: Fujimori ergriff wenig später die Flucht, Humala wurde begnadigt und machte sogar Karriere im diplomatischen Dienst.

Seine Entlassung Ende 2004 nahm sein Bruder Antauro zum Anlass, eine Polizeistation zu überfallen und den Rücktritt von Präsident Toledo zu fordern. Vier Polizisten und ein Mitstreiter starben dabei, Ollanta Humala distanzierte sich. Ebenso peinlich ist es ihm mittlerweile, wenn sein Vater Isaac von einer Überlegenheit der "kupferfarbenen Rasse" schwadroniert oder seine Mutter fordert, Homosexuelle sollte man erschießen lassen.

Viel lieber stellt er sich in eine Reihe mit den linken Regierungschefs, die seit einigen Jahren in Lateinamerika Furore machen: Seine Biografie erinnert an Venezuelas Präsident Hugo Chávez, seine Forderung, den Kokaanbau zu legalisieren, an Boliviens Staatschef Evo Morales. Wirtschaftspolitisch will sich Humala an Brasiliens gemäßigtem Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva orientieren. "Ich bin nicht links oder rechts, ich bin von unten", sagt er gerne.

Als Mestize aus der Mittelschicht kennt Humala den Rassismus, dem viele Südamerikaner ausgesetzt sind. Die weiße Elite reagiert häufig mit Verachtung auf dunkle Haut und indianische oder afrikanische Gesichtszüge. Allerdings schlägt Humala auch Skepsis von Linken in Peru entgegen. 1992 soll er als Armeekommandant im Kampf gegen maoistische Rebellen an schweren Menschenrechenrechtsverletzungen beteiligt gewesen sein. Er selbst bestreitet dies. Die Militärakten darüber sind verschwunden. (10.04.06)