GERHARD DILGER, PORTO ALEGRE



Explosive Wirtschaftskrise in Brasilien

Obdachlose organisieren sich gegen Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit

von Gerhard Dilger

Porto Alegre (epd). Ein Mord wird zum Politikum: Tausende Obdachlose fassen sich an den Händen. Sie beten für den Fotoreporter Luiz Antônio da Costa, der tags zuvor am Eingang ihres Besetzer-Camps südlich der brasilianischen Industriemetropole São Paulo erschossen wurde. Auf dem VW-Grundstück hatten innerhalb einer Woche rund 4.000 Familien mit schwarzen Plastikplanen und Holzlatten Baracken errichtet - direkt gegenüber der riesigen VW-Fabrik von São Bernardo do Campo.

Der Fotograf fiel offenbar einem Kriminellen zum Opfer, der zuvor an einer Tankstelle umgerechnet 20 Euro erbeutet hatte. Die Trauer über den sinnlosen Tod schmiedet die Obdachlosen fester zusammen, stärkt ihren Mut und ihren Durchhaltewillen. Einer Räumung des VW-Geländes wollen sie sich auf jeden Fall widersetzen, verkünden die Besetzer.

In der Autostadt São Bernardo, wo der sozialistische Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva seine Privatwohnung hat, fokussiert sich die soziale Krise Brasiliens wie in einem Brennglas: Parallel zur Besetzung des VW-Grundstücks kündigte der Autokonzern Massenentlassungen an.

Der Tod des Reporters verändert die Lage. São Paulos Gouverneur Geraldo Alckmin, der ein strenges Vorgehen gegen die Besetzer, "die Invasoren", angekündigt hatte, verweist nun auf den "schwierigen Moment" mit zahlreichen Landbesetzungen im ganzen Land. VW hat bereits einen Räumungsbefehl für das 170.000 Quadratmeter große Areal erwirkt, das seit 13 Jahren nicht mehr genutzt wurde.

Gegen die sozialen Bewegungen werden härtere Maßnahmen nicht ausbleiben, sagt der Abgeordnete Luiz Eduardo Greenhalgh voraus, der als Anwalt für die Landlosenbewegung MST arbeitet. Die Besetzer von São Bernardo machen aus ihrer Bewunderung für die Landlosen keinen Hehl: Wie die MST seien sie "gegen den Kapitalismus", bekennt ein Obdachloser, João Batista da Costa. Die Familien bilden "Brigaden" mit Namen wie Che Guevara, Rosa Luxemburg oder "Land und Freiheit".

Die Koordination und eine Gemeinschaftsküche befinden sich in einem Häuschen an der Einfahrt. Von der Stadtverwaltung fordern die Besetzer Trinkwasser, Mülleimer und WC-Kabinen. Sie möchten ein Wohnprojekt mit Kindergarten, Schule und Gesundheitsposten aufbauen.

Derweil halten in São Paulo rund 2.000 Obdachlosen-Familien 19 Hochhäuser besetzt - die letzten wurden vor Tagen in einer nächtlichen Blitzaktion erstürmt. Wenn die Landesregierung bis Monatsende keinen Vorschlag zur Lösung des Wohnungsproblems vorlege, könnten weitere Immobilien besetzt werden, sagt Obdachlosen-Sprecherin Maria das Graças Xavier.

Allein im Bundesstaat São Paulo zählt die "Wohnraum-Bewegung" rund 100.000 Mitglieder. Aktivisten holen Informationen über ungenutzte Grundstücke und leer stehende Häuser ein. Die Basis steuert geringe Mitgliedsbeiträge bei, mit denen Busse gechartert, Flugblätter gedruckt und Reisekosten für die "Funktionäre" bestritten werden.

Der Großraum São Paulo, wo 600.000 Wohnungen fehlen, ist besonders stark von Rezession und Arbeitslosigkeit betroffen. Bürokratische Hürden und ein straffer Sparkurs haben bislang die von Präsident Lula versprochenen Reformen gegen die Armut verhindert. Und die Sozialwohnungen, die die Stadt und die Landesregierung planen, werden nur einen kleinen Teil der Wohnungsnot lindern. (25.07.03)