GERHARD DILGER, PORTO ALEGRE



Menschenrecht auf Wasser rückt näher

Globalisierungskritiker drängen Wasserwirtschaft in die Defensive

Von Gerhard Dilger




Mexiko-Stadt (epd). In der Eingangshalle des modernen Banamex-Kongresszentrums am Stadtrand von Mexiko-Stadt erklingt eine dumpfe Trommel. Dann schwillt die Lautstärke deutlich an: Dutzende Frauen und Männer schütteln durchsichtige Wasserflaschen aus Plastik, Münzen sausen darin hin und her. Schließlich stimmen die Demonstranten rhythmische Sprechchöre an: "Wasser ist ein Recht - Wasser ist keine Ware", rufen sie, und: "Wasser ist für alle da."

Eine elegant gekleidete ältere Dame führt die Überraschungsaktion im Weltwasserforum an: "Es ist eine Frage von Leben und Tod", ruft Maude Barlow aus Kanada. Die von der mexikanischen Regierung in enger Abstimmung mit Unternehmen der Wasserversorgung ausgerichtete Mammutveranstaltung sei eine "elitäre, nicht repräsentative Show", sagt die Bürgerrechtlerin.

Die Kundgebung wird an diesem Tag die Berichterstattung über die Wasserkonferenz in den lokalen Medien dominieren. Die Strategie der Globalisierungskritiker in Mexiko ging auf: Sie haben ihre Gegnerschaft zur Privatisierung des "Blauen Goldes" vielstimmig und ausdauernd verkündet - bei Diskussionen, Pressekonferenzen, Kulturevents und einem Marsch durch die Metropole.

Dass die Wasser-Privatisierung viele Gesichter hat, wird inner- und außerhalb des Messegeländes deutlich. "Die Unternehmer wollen uns vertreiben", sagt der Kleinbauer Camilo Flores, dessen Land unweit der Hauptstadt bald von einem Stausee geflutet werden soll.

Dunstan Ddamulira aus dem Südwesten Ugandas berichtet, wie in seiner Heimat Kleinunternehmer mit korrupten Lokalpolitikern gemeinsame Sache machen und die Wasseranlagen, für die sie verantwortlich sind, verrotten lassen. "Diese Privatisierung um jeden Preis ist eine unsinnige Politik, die unserer Regierung von außen aufgezwungen wird", sagt er.

Janet Larsen vom Earth Policy Institute aus Washington stellt eine Studie über die Produktion von Flaschenwasser vor, "eine schleichende Privatisierung", wie sie sagt. Mit stolzen 11,5 Prozent des weltweiten Gesamtverbrauchs liegt Mexiko nur noch hinter den USA. Marktbeherrschend sind die vier Getränkegiganten Coca-Cola, Pepsi, Nestlé und Danone. Für eine 300-Dollar-Konzession dürfen sie jährlich bis zu drei Millionen Kubikmeter Wasser fördern.

Das stärkste Argument für den Kauf des abgefüllten Wassers ist die schlechte Qualität des Leitungswassers. In Mexiko-Stadt sind die Leitungen marode, der Druck ist niedrig. In manchen Armenvierteln klappt die Versorgung nur stundenweise. Im ganzen Land haben zwölf Millionen Menschen kein sauberes Trinkwasser, weltweit sind es 1,2 Milliarden.

"Privatisierung wird bereits von der mexikanischen Verfassung untersagt", wendet Cristóbal Jaime Jáquez ein. Der frühere Coca-Cola-Manager ist als Mitglied des "Weltwasserrates" bei der Ausrichtung des Weltwasserforums federführend. In dieser Funktion befürwortet auch er neuerdings ein "Menschenrecht auf Wasser". Parlamentarier, Minister und sogar Mexikos konservativer Präsident Vicente Fox äußern sich ähnlich.

"All das ist ein Ergebnis des Meinungsdrucks, den die Wasserbewegung erzeugt hat", ist sich Danuta Sacher vom evangelischen Hilfswerk "Brot für die Welt" sicher. "Auch wenn es noch gravierende Unterschiede gibt - unserem Ziel, das Recht auf Wasser verbindlich im Rahmen der Vereinten Nationen zu verankern, sind wir ein wenig näher gekommen".
(21.03.06)