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GERHARD DILGER, PORTO ALEGRE
Aufschrei gegen den Krieg
Hunderttausende Kolumbianer protestierten gegen Paramilitärs und staatliche Gewalt
Von Gerhard Dilger (epd)
Bogotá (epd). Vor dem kolumbianischen Präsidentenpalast steht eine junge Frau mit einem ungelenk gemalten Schild. "Keine Gewalt mehr" steht darauf, daneben prangen fünf dicke Blutstropfen. Die junge Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, weint. Ihr Drama ist typisch für das von Millionen Kolumbianern, die Opfer des jahrzehntelangen Bürgerkriegs wurden.
Hunderttausende haben am Donnerstag gegen die Gewalt der rechtsextremen Paramilitärs und der Armee protestiert, in Bogotá und 100 weiteren Städten in aller Welt. Darunter die Frau mit dem Schild, eine Bauerntochter aus der Karibikprovinz Sucre, die seit sechs Jahren in der Hauptstadt lebt. Als ihr Vater ermordet wurde, war sie noch ein Kind. "Die Paramilitärs haben 15 ihrer Verwandten ermordet", sagt ihr Schwager, der sie begleitet. "Weinen, weinen, das ist das Leben unserer Familie."
Die rechtsextremen Todesschwadronen vertrieben die Großfamilie aus dem Hinterland von Sucre und rissen ihr Land an sich. "Solange dieser Präsident regiert, erwarte ich keine Gerechtigkeit", sagt der Schwager. Staatschef Álvaro Uribe sei einer der Mitbegründer der Paramilitärs. Viele ihrer angeblich inhaftierten Anführer lebten jetzt in Ferienanlagen.
Diese Meinung teilen viele der Demonstranten, die auf die Plaza Bolívar geströmt sind. In der Tat förderte Uribe in den 90er Jahren als Gouverneur der Provinz Antioquia die Bildung bewaffneter Gruppen, mit der sich Großbauern vor linken Rebellen schützen sollten. Viele der zunächst legalen Milizionäre schlossen sich bald den Paramilitärs an, die nach UN-Angaben für vier Fünftel aller Kriegsverbrechen in Kolumbien verantwortlich sind.
200.000 Menschen sind in Bogotá auf die Straße gegangen, schätzt die linke Stadtverwaltung. Die meisten identifizieren sich wohl mit dem Aufruf der Organisatoren, der "Bewegung der Opfer von Staatsverbrechen". Demnach wurden in den vergangenen 25 Jahren über 1.700 Ureinwohner, 2.550 Gewerkschafter und rund 5.000 Mitglieder der Linkspartei Patriotische Union ermordet. Vier Millionen Kolumbianer flohen aus ihrer Heimat. Die Paramilitärs eigneten sich mit Gewalt mehr als 60.000 Quadratkilometer Land an.
Die Kundgebungen, die auch von der Liberalen Partei und vom linken Demokratischen Alternativen Pol unterstützt werden, beschränken aber sich nicht auf Kritik an dem Präsidenten, sie sind so vielfältig wie das zivile Kolumbien. Grauenvolle Kriegsszenen werden als Straßentheater nachgestellt, während Studenten makabre Scherze machen und Indianer tanzen.
Kleinbauern und Feministinnen, Gewerkschafter und Pazifisten tragen riesige Transparente vor sich her. Tausende haben Porträts von ermordeten, verschwundenen oder verschleppten Angehörigen und Freunden umgehängt. Generalstaatsanwalt Edgardo Maya führt eine Gruppe marschierender Staatsbeamten an. Andere erinnern an das Drama der von der Guerillaorganisation FARC Entführten und ihrer Familien.
Indianer und die Studenten der katholischen Javeriana-Universität wenden sich gegen bewaffnete Extremisten von rechts und links. "Wir sind gegen jegliche Gewalt, gegen die der Paramilitärs, der Guerilla, aber eben auch gegen die des Staates", betont auch der Schriftsteller William Ospina auf der Abschlusskundgebung. Und Organisator Iván Cepeda ruft: "Wir fordern Gerechtigkeit. Danke, Kolumbien, das ist nicht das Ende unseres Kampfes, sondern erst der Anfang." (07.03.08)
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