GERHARD DILGER, PORTO ALEGRE



Der Volkspräsident

Die armen Brasilianer bleiben Luiz Inácio Lula da Silva treu

Von Gerhard Dilger


Porto Alegre (epd). Am Freitag feierte Luiz Inácio Lula da Silva seinen 61. Geburtstag, doch auf das schönste Geschenk musste er noch zwei Tage warten: Die Wiederwahl für seine zweite Amtszeit. Mit klaren 60,8 Prozent der gültigen Stimmen wählten die Brasilianer am Sonntag den ehemaligen Schuhputzer, Metallarbeiter und Gewerkschaftsführer in der Stichwahl erneut in den Präsidentenpalast.

Damit kann Lula im Januar 2007 gestärkt seine zweite vierjährige Amtsperiode antreten. "Es ist vor allem ein Sieg der Weisheit des brasilianischen Volkes", sagte Lula in seiner Siegesrede an die Nation. Doch mindestens ebenso sehr war es der Lohn für seinen politischen Instinkt, sein Charisma - und sein Stehvermögen.

Lula stammt aus dem Armenhaus Brasiliens, dem nordöstlichen Bundesstaat Pernambuco. Als er sieben Jahre alt war, zog seine Mutter mit ihm und sieben Geschwistern in die Industriemetropole São Paulo im Südwesten, wie Millionen armer Brasilianer damals. Lula wurde Botenjunge und Schuhputzer, konnte schließlich eine Ausbildung zum Werkzeugmacher absolvieren.

Während der Militärdiktatur (1964-1985) engagierte er sich in der Metallgewerkschaft und kam für ein paar Wochen in Haft. Als Gewerkschaftschef organisierte er große Streiks und suchte den Dialog mit den Generälen, um das Regime zur demokratischen Öffnung zu drängen. 1980 gehörte er zu den Gründern der Arbeiterpartei, die aus den jüngsten Wahlen ebenfalls gestärkt hervorgeht und erstmals fünf Gouverneure stellt. Lula war Abgeordneter des Nationalparlaments und trat 1989, 1994 und 1998 erfolglos als Präsidentschaftskandidat an.

Sein Auftreten hat sich mit den Jahren gewandelt. Aus dem ehemaligen Bürgerschreck mit schwarzem Rauschebart und flammender Rhetorik ist ein souveräner Staatsmann geworden, dessen Stimme auf der ganzen Welt gehört wird - bei den Gipfeltreffen der reichen Industrienationen ebenso wie in den Ländern des Südens. Lulas Außenpolitik ist ein Ausdruck des neuen Selbstbewusstseins Lateinamerikas.

Doch vier Jahre an der Macht haben sein Bild als strahlender Hoffnungsträger auch arg ramponiert. Korruptionsaffären enger Mitarbeiter brachten die Regierungsarbeit zeitweise zum Erliegen. Dass die Arbeiterpartei immun gegen Vetternwirtschaft sei, entpuppte sich als Illusion.

Im ersten Wahlgang am 1. Oktober versagten Lula Millionen früherer Wähler die Stimme, die sich beherzte Sozialreformen erhofft hatten. Denn als Präsident setzte er die konservative Sparpolitik seiner Vorgänger fort, um die Finanzmärkte nicht zu verschrecken. Der Schuldendienst betrug ein Vielfaches der Sozialausgaben, das Wirtschaftswachstum wurde von einer umstrittenen Hochzinspolitik abgewürgt.

Doch die Armen dankten ihm die Hilfsprogramme, die er im Wahljahr spürbar ausweitete. Dem Trommelfeuer fast aller Medien zum Trotz sahen sie ihre Interessen bei Lula besser aufgehoben als beim rechtsliberalen Herausforderer Geraldo Alckmin. Das weiß der alte und neue Präsident. "Es war ein Sieg von unten gegen die da oben", sagte Lula vor jubelnden Anhängern in São Paulo. "Ich werde nie vergessen, wo ich herkomme und wohin ich gehen will, ich will das Leben aller Brasilianer verbessern." (30.10.06)