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GERHARD DILGER, PORTO ALEGRE
Im Krieg am Frieden arbeiten Kolumbiens Kirche stellt sich zwischen die Fronten
von Gerhard Dilger
Bogotá (epd). John Mahony steht in einem Armenviertel von Cartagena und sagt: "Der Frieden in Kolumbien braucht Zeit. Es wird lange dauern, vielleicht 20 Jahre." Ebenso lange lebt und arbeitet der katholische Priester britischer Herkunft bereits in dem südamerikanischen Land.
In Cartagena leitet Mahony die Caritas. Dort sind die Elendsviertel in den vergangenen Jahren um 70.000 auf mehr als eine halbe Million Bewohner angewachsen: Der Mehrfrontenkrieg zwischen linken Guerillagruppen, rechtsextremen Paramilitärs und regulären Streitkräften treibt die Menschen vom Land in die Stadt. Inzwischen machen die Flüchtlinge sieben Prozent der Gesamtbevölkerung aus.
Der für seine koloniale Altstadt berühmte Touristenort an der Karibik werde von Paramilitärs, Drogenhändlern und korrupten Politikern beherrscht, berichtet der Priester. Dennoch hat er die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht aufgegeben: "Es gibt viele Menschen, die bereit sind, neue Wege zu gehen." In seiner Pfarrei werden derzeit 100 Jugendliche ausgebildet, die in den kommenden Jahren verantwortliche Positionen in ihren Stadtvierteln besetzen sollen. "Nur ein langer Erziehungsprozess führt zum Frieden", glaubt Mahony.
Früher arbeite der Priester im Landesinneren, wo er Kleinbauern unterstützte. Todesdrohungen zwangen auch ihn zur Flucht nach Cartagena. Sein Vorgesetzter, der designierte Erzbischof Jorge Jiménez, ist ebenfalls ein Opfer des Krieges. Unweit von Bogotá wurde der Würdenträger vor zwei Jahren von Guerilla-Kämpfern der "Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens" (FARC) entführt.
Für das harte Vorgehen des Präsidenten Álvaro Uribe gegen die linken Rebellen zeigt Jiménez Verständnis. "Die Guerilla hat nichts Gutes gebracht", sagt er bestimmt. Die Kritik Mahonys an den "ineffizienten" Regierungsbürokraten, die kein Konzept für die Flüchtlingshilfe hätten, schwächt Jiménez ab. Doch in den Armenvierteln ziehen der konservative Bischof und der engagierte Basis-Priester an einem Strang.
In der Pazifikprovinz Chocó ist die katholische Kirche sogar zum wichtigsten Hoffnungsträger inmitten des Krieges geworden. Seit acht Jahren herrscht nackte Gewalt in der strategisch wichtigen Urwaldregion, die vorwiegend von Schwarzen und Indianern bewohnt wird.
"Wir sind nicht neutral, wir stehen auf Seiten der Opfer", sagt der Priester Ulrich Kollwitz, der in den 70er Jahren aus dem Rheinland nach Kolumbien ausgewandert ist. Er arbeitet bei der "Kommission für Leben, Gerechtigkeit und Frieden", die Menschenrechtsverletzungen in der Pazifikregion anprangert und deshalb bei allen Kriegsherren gleichermaßen unbeliebt ist. Drei Kirchenleute wurden bereits ermordet.
Derzeit ermuntert die Kirche die Dorfbewohner im Landesinneren, "zivilen Widerstand" gegen die Konfliktparteien zu leisten. Diese Aufrufe richten sich etwa an die Menschen von Altagracia am Munguidó-Fluss. Sie mussten in die größere Stadt Quibdó fliehen und konnten erst fünf Monate später zurückkehren. "22 Tage besetzte die Armee unser Dorf", erinnert sich der alte Händler Yamid Moreno an die Tage vor der Flucht. "Der Kommandant sagte, die Paramilitärs würden uns töten, wenn wir die Guerilla unterstützten." 100 von 140 Familien sind wieder nach Altagracia zurückgekehrt, doch die Angst bleibt.
"Wir glauben nicht an den Krieg", betont Bischof Héctor Fabio Henao, Leiter der Caritas in Kolumbien. Nicht hilfreich sei es, die sozialen Hintergründe des komplizierten Konfliktes auszublenden, sagt er unter Anspielung auf die Politik von Präsident Uribe. Der Staatschef hat der linken Guerilla einen unerbittlichen Kampf angesagt. Die Kirche setzt sich dagegen für Verhandlungen zur Lösung des Konfliktes ein.
Bis 2010, wenn sich die Unabhängigkeit Kolumbiens zum 200. Mal jährt, sollte das Land den Friedensschluss anstreben, schlug kürzlich der Vorsitzende der kolumbianischen Bischofskonferenz, Kardinal Pedro Rubiano, vor. Voraussetzung dafür sei aber auch, dass die Kluft zwischen Arm und Reich verkleinert werde. (25.10.04)
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