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GERHARD DILGER, PORTO ALEGRE
Sieg der Gentechnik-LobbyBrasilien gibt den Anbau von Gen-Soja
frei
von Gerhard Dilger
Porto Alegre (epd). Carlos Sperotto hat allen Grund zum Jubel. "Alle
Bauern schmieren bereits ihre Sämaschinen", sagt der Vorsitzende des
mächtigen Bauernverbandes Farsul in Brasilien freudestrahlend. Denn
nach einem monatelangen Tauziehen hat sich die Regierung dem Druck
der Sojabauern aus dem südlichen Bundesstaat Rio Grande do Sul
gebeugt. Vizepräsident José Alencar unterzeichnete ein Dekret, wonach
der Anbau von gentechnisch verändertem Soja zunächst für ein Jahr
erlaubt ist.
Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, der sich nach seinem Auftritt
bei der UN-Vollversammlung zu einem Staatsbesuch in Mexiko aufhielt,
hatte die Entscheidung für die Freigabe bereits in der vergangenen
Woche gefällt. Doch die Proteste von Umweltschützern,
Verbraucherverbänden und Kleinbauern sowie juristische Bedenken
ließen den Vizepräsidenten tagelang zögern. Die Gen-Soja-Kontroverse
entwickelte sich zur bislang härtesten Zerreißprobe für die Regierung
des Sozialisten Lula.
Vor seiner Wahl hatte sich der Chef der Arbeiterpartei noch für das
Vorsorgeprinzip ausgesprochen, demzufolge die Risiken für Umwelt und
Gesundheit schwerer wiegen als der wirtschaftliche Nutzen der
Gentechik, der im Falle des brasilianischen Soja höchst umstritten
ist. Denn das südamerikanische Land ist bereits Exportweltmeister,
obwohl gut 90 Prozent der diesjährigen Sojaproduktion von 43
Millionen Tonnen aus konventionellen Sorten besteht.
1998 hatten Greenpeace und der Verbraucherverband Idec erreicht, dass
ein Bundesgericht den kommerziellen Anbau von Gen-Soja untersagte.
Doch die damalige Regierung duldete es stillschweigend, dass in
Südbrasilien immer mehr Landwirte eingeschmuggeltes Gen-Saatgut aus
Argentinien verwendeten.
Die Bauern, darunter auch viele Familienbetriebe, begründen dies mit
bis zu 30 Prozent geringeren Anbaukosten. Zu dem Gen-Soja, das vom
US-amerikanischen Konzern Monsanto entwickelt wurde, gibt es vom
gleichen Hersteller nämlich Mittel "Roundup Ready", das besser mit
Unkraut fertig wird als herkömmliche Pflanzengifte.
Diese Ersparnis wird sich künftig deutlich verringern. Denn der
Konzern hat bereits angekündigt, von den Bauern Lizenzgebühren zu
kassieren. Nach Regierungsschätzungen könnte sich diese allein für
Rio Grande do Sul auf 300 Millionen US-Dollar im Jahr belaufen.
Die nun drohende Abhängigkeit der Bauern von einem transnationalen
Konzern gehört zu den wichtigsten Argumenten der Gentechnik-Gegner.
Zudem seien vor allem die Europäer dankbare Abnehmer von Bohnen,
Schrot und Öl aus konventionellem Soja-Anbau, sagt
Greenpeace-Sprecherin Tatiana Carvalho.
Die Käufer interessiere das wenig, hält der Vorsitzende des
Soja-Erzeuger-Verbandes, Ywao Miyamoto, dagegen: "Jeder weiß, dass es
schon jetzt Gen-Soja in Brasilien gibt." Beim Absatz sei es deswegen
aber noch nie zu Problemen gekommen. Die größten Gen-Soja-Produzenten
sind bislang die USA, Argentinien, Kanada und neuerdings China.
Das Präsidentendekret, dem die Regierung einen Gesetzentwurf folgen
lassen will, ist auch eine herbe Niederlage für Umweltministerin
Marina Silva. Umfassende Umweltverträglichkeitsprüfungen sind nicht
vorgesehen, eine klare Regelung der Kennzeichnungspflicht fehlt
ebenfalls. Für den Verbraucherverband und prominente Juristen ist der
Erlass sogar verfassungswidrig.
Auch wenn der Streit weiter die Gerichte beschäftigen wird, scheint
der Weg für die Gentechnik in Brasilien definitiv geebnet. Besonders
bitter fällt die Kritik von einigen sozialistischen Parteifreunden
Lulas aus: Jetzt habe sich auch die Regierung zur Geisel von Monsanto
machen lassen, sagt der Landlosen-Sprecher João Pedro Stedile. "Das
wird sie noch teuer zu stehen kommen." (26.09.03)
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