GERHARD DILGER, PORTO ALEGRE



Globalisierungskritik als Kunst

Eduardo Galeano über sein neues Buch "Zeit die spricht"

Von Gerhard Dilger


Montevideo (epd). Als Redner kann er Tausende zu Begeisterungsstürmen hinreißen. Seine Essays zu aktuellen politischen Themen finden weltweit Beachtung. Am liebsten jedoch ist Eduardo Galeano aus Uruguay eines: Schriftsteller.

Nach "Die offenen Adern Lateinamerikas" (1971), einem kritischen Geschichtsbuch, das weltweit zum Bestseller wurde, wandte sich der mittlerweile 64-Jährige der kurzen Dokumentarprosa zu und verfeinerte sie bis zur Meisterschaft. "Zeit die spricht", soeben auf Deutsch im Peter Hammer Verlag erschienen, ist ein Paradebeispiel dieses Genres.

In Uruguays Hauptstadt Montevideo, in die er 1985 nach Jahren des Exils zurückkehrte, ist ein traditionelles Café im historischen Zentrum sein zweites Zuhause. Hier empfängt der ergraute Autor mit dem wachen Blick seine Interviewer, plaudert mit anderen Stammgästen und nimmt Überraschungsanrufe von Bewunderern aus aller Welt entgegen.

"Zeit die spricht" sei das Ergebnis eines mühseligen, acht Jahre langen Auswahlprozesses, berichtet Galeano. Übrig geblieben sind 333, höchstens zwei Seiten lange Texte, die wie bunte Fäden eines Gewebes zusammenpassen - Schlüssellöcher, durch die man das Universum sehen kann. Er wolle Geschichten erzählen, bei denen kein Wort zu viel ist, Gedichte, die so tun, als wären sie Prosa, sagt er. Oft gebe es zehn oder zwanzig Versionen eines Textes. Das Feilen daran sei viel aufwendiger, als lange Essays zu schreiben.

Zudem strebe er eine perfekte Übereinstimmung zwischen Verpackung und Inhalt an. "Ich habe Respekt für alles, was verachtet wird, für die kleinen, scheinbar unbedeutenden Dinge", so Galeano. Zugleich hege er ein tiefes Misstrauen gegenüber allem Großkotzigen, Spektakulären, Mächtigen.

So stehen in "Zeit die spricht" kommentierte Weltnachrichten, historische Anekdoten oder altamerikanische Mythen nebeneinander. Kinder, Tiere und Pflanzen bevölkern viele jener 333 Texte.

Der Linksintellektuelle diagnostiziert einen weltweit funktionierenden Mechanismus der Trennungen, der alles zerbricht, was er berührt. Die neoliberale Globalisierung trenne die Seele vom Körper ab, die Vergangenheit von der Gegenwart, das Gefühl vom Verstand, meint er. Ihr wolle er in seiner Literatur eine andere Wirklichkeit entgegensetzen.

Dem gleichen Ziel dienten auch die Vignetten aus der peruanischen Region Cajamarca, mit denen "Zeit die spricht" illustriert ist. Einige von ihnen sind 10.000, 15.000 Jahre alt, und "sie sind fantastisch, so perfekt wie von Picasso", schwärmt Galeano: "Sie sehen aus, als wären sie letzte Woche entstanden." Aber es sind anonyme in Felsen eingravierte Werke.

Anders als viele seiner europäischen Kollegen mischt er sich auch ins politische Tagesgeschäft ein. Den Amtsantritt der uruguayischen Linksregierung im März begrüßte Galeano begeistert, doch nun wendet er sich gegen deren Schmusekurs mit ausländischen Wasserkonzernen oder umweltschädliche Projekte wie riesige Eukalyptus-Plantagen.

"Ich lebe von dem, was ich schreibe, das reicht", sagt Galeano. Daher arbeite er mit kleinen, unabhängigen Verlagen zusammen und gehe den Versuchungen des kommerziellen Literaturbetriebs aus dem Weg: "Wenn ich gegen die Zivilisation bin, die alles zur Ware macht, was es berührt, für die Dinge wichtiger sind als Menschen, warum sollte ich mich selbst zur Ware machen?"(20.06.05)