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GERHARD DILGER, PORTO ALEGRE
"Wir mussten alles zurücklassen"In Kolumbien hat der Bürgerkrieg 1,5 Millionen Menschen in die Flucht getrieben
von Gerhard Dilger
Bogotá (epd). María Coronado sitzt in ihrer Wohnstube und wischt sich die Tränen von den Wangen. Ihr Mann José Antonio war Sprecher einer kleinen Landgemeinde im Südwesten der kolumbianischen Provinz Caquetá. Eines Nachmittags im April kamen zwei Guerilleros und schossen ihn nieder. Der 13-jährige Sohn Antonio war Augenzeuge des Verbrechens.
Nach der Beerdigung verließ María ihren Bauernhof Hals über Kopf. "Wir mussten alles zurücklassen. Irgendjemand sagte, Antonio wolle seinen Vater rächen, und jetzt suchen sie ihn". Sie, das sind die Kämpfer der "Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens" (FARC), die seit Jahren das hügelige, abgelegene Gebiet - und damit den Kokainhandel - kontrollieren.
In den vergangenen Jahren hat der kolumbianische Bürgerkrieg nach Angaben von Hilfsorganisationen mehr als 1,5 Millionen Menschen in die Flucht getrieben. Viele mussten vom Land in die Slums der Städte ziehen. In der Provinz Caquetá ist das Flüchtlingselend besonders groß: Dort liegt der Schwerpunkt der militärischen Großoffensive "Plan Patriota", mit der Präsident Álvaro Uribe die FARC-Guerilla in die Enge treiben will. Verantwortlich für Massaker und Vertreibungen sind auch rechtsgerichtete Paramilitärs.
Die Bäuerin María Coronado wohnt inzwischen mit ihren vier Kindern zur Miete in der Kleinstadt San José del Fragua. Der völlig verschüchterte Antonio traut sich kaum aus dem Haus, die 14 Monate alte Tochter ist ständig krank. Wie es weitergehen soll, weiß die verzweifelte Mutter nicht. Trost findet sie bei einer Sozialarbeiterin der katholischen Kirche.
In die anderthalb Autostunden entfernte Provinzhauptstadt Florencia, wo in den vergangenen Jahren rund 40.000 Flüchtlinge die Armenviertel haben anschwellen lassen, zieht es sie nicht. Insgesamt hat die Stadt etwa 180.000 Einwohner, genau weiß es auch Bürgemeister Arnoldo Barrera nicht. "85 bis 90 Prozent sind arm, und unsere Haushaltsmittel reichen hinten und vorne nicht", klagt Barrera. Über die Operationen der Armee, die die Flüchtlingsströme auslösten, werde er nicht unterrichtet. Und zur Lösung des Vertriebenenproblems habe die Regierung in Bogotá kein Konzept.
In Florencia wuchern die Armenviertel die hellgrünen Hügel hinauf. Für die humanitäre Hilfe bekommt die katholische Sozialpastoral Gelder aus dem Ausland, meist kurzfristig und sporadisch. Auf Holzhütten sind Logos des deutschen Entwicklungsministeriums und der Diakonie zu sehen. Für ein siebenmonatiges Hilfsprogramm in acht Regionen haben das Auswärtige Amt und Caritas international insgesamt 312.000 Euro bereitgestellt, 180.000 Menschen sollen davon profitieren.
Auch in Florencia werden Lebensmittelpakete verteilt. "Diese Nothilfe ist wichtig, aber sie reicht nicht aus", meint Harvey Suárez von der Flüchtlings-Hilfsorganisation CODHES. Die internationalen Geber müssten die politischen Ursachen des Elends stärker berücksichtigen und dürften nicht den Staat dabei unterstützen, sich aus seiner Verantwortung zurückzuziehen. "Wir brauchen mehr Demokratie, mehr Menschenrechte, und nicht weniger", fordert der Menschenrechtler. Eine Lösung des Konfliktes könne nur in Friedensverhandlungen zwischen den Bürgerkriegsparteien liegen.
(24.09.04)
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