GERHARD DILGER, PORTO ALEGRE



Filme wie Paukenschläge

Nach "City of God" wühlt auch der Gefängnis-Film "Carandiru" die Brasilianer auf

von Gerhard Dilger

Porto Alegre (epd). "Dieser Film entlarvt uns für immer", sagt der Starkolumnist Arnaldo Jabor. "'City of God' zeigt, dass die Hölle hier ist." Seine Heimat Brasilien, da hat er keine Zweifel, sei eines der grausamsten Länder der Welt. Jugendliche Drogenhändler in den Slums von Rio de Janeiro sind die Protagonisten von "City of God". Fernando Meirelles hat den Spielfilm in der rasanten Ästhetik von Werbespots gedreht.

Der Kinostart mit 151 Kopien in Deutschland war prompt ein Erfolg. Bereits am ersten Wochenende sahen fast 57.000 Zuschauer "City of God". Allein in Brasilien hatte er 3,2 Millionen Menschen in die Kinos gelockt. Dieser Rekord für eine einheimische Produktion könnte bald übertroffen werden, von einem Film, der ebenfalls ein Welterfolg aus Brasilien werden könnte: Hector Babencos Gefängnis-Film "Carandiru" läuft im Wettbewerb des Filmfestivals von Cannes.

Die Parallelen zwischen beiden Werken sind verblüffend: Ohne moralischen Zeigefinger oder sentimentale Verklärung werden Elend und Gewalt in Brasiliens Armenvierteln geschildert - und deren Fortsetzung im Gefängnis. Hier bekommen jene ein Gesicht, die in den täglichen Horrornachrichten über Schießereien oder Häftlingsaufstände anonym und unverstanden bleiben.

Wie in den jeweiligen literarischen Vorlagen werden die Geschichten durch die Augen eines zurückhaltenden Beobachters erzählt: Der Hobbyfotograf Buscapé aus "City of God" trägt Züge des Romanciers Paulo Lins, der selbst in dem Armenviertel groß wurde, das den Namen "Cidade de Deus" (Stadt Gottes) trägt. Der Film "Carandiru" stützt sich auf den Bestseller des Gefängnisarztes Drauzio Varella, der 15 Jahre lang in Lateinamerikas verrufenstem Knast arbeitete. 1992 massakrierte die brasilianische Militärpolizei dort 111 Häftlinge.

Anders als die Regisseure der komplexen und ebenfalls sozial engagierten "Cinema-Novo"-Filme der sechziger Jahre sehen sich weder Meirelles noch Babenco als Avantgardisten oder Revolutionäre. Vor allem Babenco sucht die Nähe zum Realismus von Dokumentationen. Als "Handwerker" versteht sich der frühere Werbefilmer Meirelles.

Den Publikumserfolg vieler zeitgenössischer brasilianischer Filme erklärt er mit der "menschlichen Dichte", die dem Cinema Novo gefehlt habe. Hinzu kommt ein aufwendiges und professionelles Marketing.

Meirelles hatte die brasilianische Mittelschicht als Zielpublikum vor Augen. Doch der Erfolg durchbrach sämtliche Klassenschranken: "City of God" und "Carandiru" füllten die billigen Kinos in der Nähe von Armenvierteln ebenso wie jene in den Luxus-Einkaufszentren der Metropolen. Soziologen werten dies als kollektives Bedürfnis, die lange verdrängte Gewalt in den Städten mit ihren wuchernden Armenvierteln, den Favelas, verstehen zu lernen.

Beide Filme wirken wie Paukenschläge und wecken zwiespältige Gefühle. "Wir sind dazu verurteilt, mit dieser Tragödie zu leben, die weiter wachsen wird wie ein Tumor", diagnostiziert der Kolumnist Jabor düster. Aber er glaubt auch, die Filme könnten zu einer Änderung des politischen Verhalten der Brasilianer beitragen. Die Schlussszene von "Carandiru" mag für diese Hoffnung stehen: Sie zeigt die Sprengung des Gefängnisses im Dezember vergangenen Jahres. (14.05.03)