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GERHARD DILGER, PORTO ALEGRE
Evomania in La PazDer neue Präsident hat eine illustre Schar um sich versammelt: Die Kabinettsliste liest sich wie ein Who's who der Protestbewegung.
Von Gerhard Dilger, La Paz
Es war ein Wochenende grosser Gesten und grosser Worte. In der Ruinenstadt Tiwanaku, im bolivianischen Andenhochland unweit des Titicacasees gelegen, liess sich Evo Morales zum obersten Indígena-Anführer weihen und rief aus: «Heute bricht für die Urvölker der Welt eine neue Epoche an.» Nach seiner Vereidigung als Präsident beschwor der 46-jährige Angehörige des Aymara-Volkes die «kulturelle und demokratische Revolution», die sein Amtsantritt bedeute. «Ich glaube an das, was Evo verkörpert», sagte der uruguayische Autor Eduardo Galeano vor Zehntausenden in der Stadtmitte von La Paz, «wir sind stark genug, um mit eigenen Beinen zu gehen. Die Sache Boliviens ist universell.» Angereist waren VertreterInnen sozialer Bewegungen aus Nord und Süd, aber auch zehntausende aus ganz Bolivien und den Nachbarländern - in der Region herrscht eine regelrechte Evomania.
Wieder einmal richten sich die Hoffnungen von Millionen LateinamerikanerInnen und Linken in aller Welt auf ein kleines Land, von dem sie sich Impulse für ihre eigenen Kämpfe erhoffen. Nach Kuba 1959, Chile 1970 oder Nicaragua 1979 sind solche Momente selten geworden. Und der derzeit wieder oft beschworene Linksruck in Lateinamerika erweist sich bei näherem Hinsehen als vielschichtiges Phänomen, das grösstenteils durchaus kompatibel mit der kapitalistischen Weltordnung ist: Brasiliens Lula setzt auf Freihandel und Wachstum um jeden Preis, Danilo Astori aus Uruguay wurde neulich von der «Financial Times» zum amerikanischen «Finanzminister des Jahres» gekürt, und Chiles neue Präsidentin Michelle Bachelet will ebenfalls im Kern am neoliberalen Modell festhalten. Widerborstiger geben sich Argentiniens Néstor Kirchner und vor allem Hugo Chávez aus Venezuela - und werden dafür vom medialen Mainstream prompt als «Populisten» abqualifiziert.
Kuba und Venezuela stünden bei der «Schlacht der Ideen» auf der Gegenseite, meint Thomas Shannon, der im US-Aussenministerium für Lateinamerika zuständige Staatssekretär. «Doch unklar ist, wo Bolivien bleiben wird», sagte er vor seiner Reise nach La Paz. Ganz offensichtlich wünschen die USA und fürchtet so mancher Linker, dass Evo Morales ein «zweiter Lula» werden könnte.
Einmal im Bus reisen
Schon vom Werdegang steht er dem brasilianischen Staatschef nahe, den er gerne als «älteren Bruder» bezeichnet: Aufgewachsen ist Evo Morales im Altiplano, dem kargen Andenhochland. Drei seiner sechs Geschwister starben als Kinder. Gerne erzählt er die Geschichte, wie er als Elfjähriger mit einer Lamaherde an einer Landstrasse entlangzog und gierig die Bananenschalen auflas, die Passagiere der grossen Überlandbusse aus dem Fenster warfen: «Damals wollte ich nichts mehr, als in einem dieser Busse zu reisen.»
Seine Schulausbildung in der Provinzstadt Oruro finanzierte er mit Jobs in Ziegeleien und Bäckereien. Nach dem Wehrdienst kehrte er in sein Dorf zurück. Nach einer grossen Dürre zog seine Familie 1980 in das tropische Chapare-Tiefland, wo sie wie tausende NeusiedlerInnen den Regenwald urbar machte - und Koka anpflanzte. Als Schlüsselerlebnis beschreibt er die grausame Ermordung eines Kleinbauern durch Regierungssoldaten ein Jahr später: «Damals nahm ich mir vor, unermüdlich für die Menschenrechte, den Frieden auf unseren Feldern und den freien Kokaanbau zu kämpfen.»
Es folgte sein Aufstieg in der Gewerkschaft der Kokabauern. Als junger, redegewandter Sprecher organisierte er Protestmärsche und Strassenblockaden. Er wurde angefeindet, mehrmals inhaftiert, einmal beinahe zu Tode geprügelt. 1997 zog Morales als Abgeordneter mit den meisten Stimmen in ganz Bolivien für die kurz zuvor gegründete Bewegung zum Sozialismus (MAS) ins Parlament. Dass ihn die konservativen Abgeordneten Anfang 2002 herauswarfen, machte ihn nur noch populärer, ebenso die Attacken des damaligen US-Botschafters. Bei der Präsidentenwahl ein halbes Jahr später wurde er nur knapp von seinem liberalen Kontrahenten Gonzalo Sánchez de Lozada geschlagen.
Das politische Koordinatensystem hatte sich schon zwei Jahre zuvor verschoben, mit den erfolgreichen Massenprotesten gegen die Wasserprivatisierung in Cochabamba. Die marktliberalen Reformen der neunziger Jahre hatten kaum etwas an der Massenarmut in dem Neunmillionenland geändert, zugleich profitierten ausländische Konzerne von der Liberalisierung der Erdgasförderung. Als Sánchez de Lozada im Oktober 2003 versuchte, die Protestbewegung gegen geplante Erdgasexporte blutig niederzuschlagen, musste er den Hut nehmen. Sein Nachfolger Carlos Mesa weigerte sich, die Rohstoffkonzerne stärker zu besteuern, und trat nach einem wochenlangen Ausstand im Juni 2005 zurück.
Treibende Kraft der Proteste war jeweils eine Allianz indigener Volksgruppen mit Schwerpunkt in der Grossstadt El Alto - Morales hielt sich im Hintergrund und wurde sogar oft als «Verräter» beschimpft. Auch seine realpolitisch verständliche Unterstützung des liberalen Mesa bis fast zuletzt nahmen ihm linke KritikerInnen übel.
Mit seinem politischen Instinkt lag Evo Morales jedoch fast immer richtig, wie sich jetzt erwiesen hat. Auch wenn er selbst von seinem überwältigenden Sieg im Dezember überrascht wurde, als er im ersten Wahlgang bereits 53,7 Prozent der Stimmen erhielt. Besonders bei den städtischen Mittelschichten kam das «Bündnis von Poncho und Krawatte» gut an, das sein Vize Álvaro García Linera immer wieder beschworen hatte. Der Linksintellektuelle und Exguerillero García Linera ist auch Chefideologe des von ihm so genannten «andin-amazonischen Kapitalismus», den er kurz- und mittelfristig als einzig realistische Wirtschaftsform für Bolivien erachtet: Ein starker Staat soll die industrielle Expansion regulieren und deren «Überschüsse an den kommunitären Bereich weiterleiten, um Formen der Selbstverwaltung und Handelsentwick-lung zu potenzieren». Auch in den kommenden Jahrzehnten würden in Bolivien die Familienbetriebe dominieren, die «Basis der letzten sozialen Rebellionen».
Nach innen schwebt Morales und García Linera ein «Sozialpakt» vor, in den sie das einheimische Kapital besonders aus den wohlhabenden Provinzen des Südostens einbinden wollen. Noch im Dezember versuchte Morales, die Unternehmer von Santa Cruz zu beruhigen, indem er die baldige Ausschreibung eines umstrittenen Bergbauprojekts befürwortete. Auch auf der Weltreise durch vier Kontinente stellte er seinen GesprächspartnerInnen gute Geschäfte in Bolivien in Aussicht.
Wird Evo Morales also tatsächlich ein «zweiter Lula», der seine Wahlversprechen angesichts der realen Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse hintenanstellt und versucht, seine Basis mit erweiterten Sozialprogrammen zufrieden zu stellen, die niemandem wehtun? Angesichts der Stärke der sozialen Bewegungen kann er sich das nicht erlauben, das weiss er genau. Immer wieder sagt er, er wolle «kontrolliert» und «angeschoben» werden: «Ich werde regieren und dabei dem Volk gehorchen.» Dazu passt auch seine Ankündigung vom Samstag, die seit Jahren zu einer «Neugründung» Boliviens geforderte Verfassunggebende Versammlung solle bereits ab August 2006 tagen. Und selbst seinem heftigsten Kritiker, dem Aymara-Führer Felipe Quispe, reichte er die Hand zur Versöhnung.
Mit dem Kabinett, das er am Montag vorstellte, signalisiert Morales Entschiedenheit: Energieminister und damit Verhandlungspartner der Erdölmultis wird der Publizist Andrés Soliz Rada. Der 66-jährige Linksnationalist hat in den letzten Jahren die scharfsinnigsten Analysen über den skandalösen Ausverkauf des Erdgasreichtums Boliviens vorgelegt. Das neu gegründete Wasserministerium wird von Abel Mamani geleitet, einem Anführer der Protestbewegung gegen den französischen Wasserkonzern Suez im vergangenen Jahr. WasseraktivistInnen in aller Welt feiern Mamanis Nominierung als Durchbruch.
Mit der Anthropologin Alicia Muñoz steht erstmals eine Frau an der Spitze des Innenministeriums. Aussenminister ist der Aymara-Intellektuelle David Choquehuanca. Die langjährige Hausangestelltenaktivistin und Quechua-Indígena Casimira Rodríguez leitet das Justizressort. «Null Korruption, null Bürokratie», nannte Morales die Herausforderung im Inneren, mit der seine Regierung bald konfrontiert sein dürfte.
Auch aussenpolitisch wird sich Bolivien nicht so einfach in eine Schublade einordnen lassen, macht Präsidialamtsminister Juan Ramón Quintana klar: Die Achse La Paz-Caracas-Havanna sei vor allem hinsichtlich der Kooperation im Bildungs- und Gesundheitswesen bedeutsam. Aber ebenso wichtig, gerade wegen der Energiepolitik, sei die Achse Buenos Aires-Montevideo-Brasília-Asunción-La Paz: «Diese zwei Achsen bilden eine Gleichung für die Einheit Lateinamerikas und erlauben es Bolivien, dem Druck von aussen besser widerstehen zu können.»
Und dieser Druck wird zunehmen. Auch wenn sich Washington noch zurückhaltend gibt: Irgendwann könnten die USA gegen den ehemaligen Koka-Gewerkschafter die Keule des «Drogenkriegs» schwingen, mit der sie die Militarisierung des Subkontinents seit Jahren vorantreiben. Oder auf dem Umweg über multilaterale Organisationen die finanziellen Daumenschrauben anziehen. IWF-Chef Rodrigo Rato weiss schon jetzt: «Egal, welche politische Position die bolivianischen Behörden einnehmen - für die Mobilisierung ihrer Ressourcen, vor allem des Erdgases, brauchen sie Mittel, die das Land derzeit nicht hat.»
Die Wochenzeitung, 21.01.06
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