GERHARD DILGER, PORTO ALEGRE



Sozialist aus dem Andenhochland

Der Aymara-Indianer Evo Morales wird der nächste Präsident Boliviens

Von Gerhard Dilger


Porto Alegre (epd). Es ist Sonntag, zehn Uhr abends, und ganz Cochabamba scheint auf den Beinen. Im Zentrum der bolivianischen Andenstadt schwenken Tausende die blau-weiß-schwarzen Fähnchen der "Bewegung zum Sozialismus" (MAS), der Partei des Wahlsiegers Evo Morales. "Compañeros und compañeras, wir haben gewonnen", ruft Morales seinen Anhängern zu und wischt sich ein paar Tränen aus den Augenwinkeln. "Ich sage den Aymaras, Quechuas, Chiquitanos und Guaranís: Zum ersten Mal werden wir Präsidenten sein."

Die Hochrechnungen am Sonntag zeigten eindeutig, dass Morales gegen seinen härtesten Rivalen, den früheren Präsidenten Jorge Quiroga, gewonnen hat. Morales kommt voraussichtlich auf mehr als 50 Prozent der Stimmen. Ab Januar wird der 46-jährige Gewerkschafter Bolivien regieren - als erster indianischer Staatschef in der Geschichte des südamerikanischen Landes.

"Wir werden Gleichheit und Frieden mit sozialer Gerechtigkeit anstreben", ruft Morales seinen jubelnden Anhängern zu. Denn trotz der jahrhundertelangen Ausbeutung der Bodenschätze Silber, Zinn oder Erdgas sind die meisten der neun Millionen Bolivianer arm geblieben.

Aufgewachsen ist der Aymara-Indianer Morales im Altiplano, dem kargen Andenhochland. Drei seiner sechs Geschwister starben noch als Kinder. Gerne erzählt er die Geschichte, wie er als Elfjähriger mit einer Lamaherde an einer Landstraße entlangzog und die Bananenschalen auflas, die Passagiere der Überlandbusse aus dem Fenster warfen: "Damals wollte ich nichts mehr, als in einem dieser Busse zu reisen."

Seine Schulausbildung in der Provinzstadt Oruro finanzierte Evo Morales mit Jobs in Ziegeleien und Bäckereien. Nach dem Wehrdienst kehrte er in sein Dorf zurück. Nach einer großen Dürre zog seine Familie 1980 in das tropische Chapare-Tiefland, wo sie wie Tausende Neusiedler den Regenwald urbar machte - und Koka anpflanzte.

Als Schlüsselerlebnis beschreibt er die grausame Ermordung eines Kokabauers durch Regierungssoldaten ein Jahr später: "Damals nahm ich mir vor, unermüdlich für die Menschenrechte, den Frieden auf unseren Feldern und den freien Koka-Anbau zu kämpfen".

Es folgte der Aufstieg in der Gewerkschaft der Kokabauern. Der hoch gewachsene, redegewandte Aktivist organisierte Protestmärsche und Straßenblockaden. Er wurde angefeindet, mehrmals inhaftiert, einmal fast zu Tode geprügelt. 1997 zog Evo Morales für die kurz zuvor gegründete MAS ins Parlament. Dass ihn seine konservativen Kollegen Anfang 2002 ausschlossen, machte ihn nur noch populärer. Bei der Präsidentenwahl ein halbes Jahr später unterlag er nur knapp.

Der Globalisierungskritiker Morales versuchte auch, zwischen der armen Bevölkerungsmehrheit und dem politischen Establishment zu vermitteln. Lange hielt er sich mit scharfer Kritik an dem parteilosen Präsidenten Carlos Mesa zurück. Doch als dieser sich weigerte, ausländische Erdöl- und Erdgasfirmen stärker zu besteuern, wandte sich Morales von ihm ab. Nach wochenlangen Protesten musste Mesa im Juni 2005 zurücktreten.

Von den indianischen Basisbewegungen wird Morales kritisiert, denn eine Enteignung der Erdölkonzerne lehnt er ab: "Wir wollen nur, dass unser Reichtum gerecht geteilt wird." Auch im Wahlkampf schlug er gemäßigte Töne an, sein Verhältnis zu früheren Mitstreitern blieb gespannt.(19.12.05)