GERHARD DILGER, PORTO ALEGRE



Schwieriger Balanceakt

Der moderate Oppositionsführer Evo Morales spielt in der Krise Boliviens eine Schlüsselrolle

Von Gerhard Dilger


Porto Alegre (epd). Viele sehen in ihm den kommenden Präsidenten Boliviens. Auch in der derzeitigen Krise des Andenlandes spielt er eine Schlüsselrolle: Evo Morales, 45, ehemals Gewerkschaftsführer der Kokabauern, heute Abgeordneter und Chef der wichtigsten Oppositionspartei, der "Bewegung zum Sozialismus" (MAS).

Immer wieder versucht sich der hoch gewachsene Aymara-Indianer im schwierigen Balanceakt zwischen der armen Bevölkerungsmehrheit und dem politischen Establishment seines Landes. Lange hielt er dem parteilosen Präsidenten Carlos Mesa den Rücken frei. Doch als Mesa sich weigerte, ausländische Erdöl- und Erdgasfirmen stärker zu besteuern, wandte sich Morales von ihm ab und suchte den Schulterschluss mit anderen Anführern der indianischen Basisbewegungen.

Von links wird Morales immer wieder als Verräter bezeichnet, denn anders als große Teile seiner Basis lehnt er eine Enteignung der ausländischen Rohstoff-Konzerne ab: "Wir wollen nur, dass unser Reichtum gerecht geteilt wird." Deswegen setzte er in den letzten Wochen die alte Forderung nach einer Verfassungsgebenden Versammlung auf die Tagesordnung, von der sich viele einen politischen Neuanfang in Bolivien versprechen.

Doch im Parlament kam die dafür erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit nicht zu Stande. Dass Präsident Mesa daraufhin die Wahl dieser Versammlung für den 16. Oktober anordnete, ist auch ein Erfolg von Evo Morales. Seit seinem Überraschungserfolg von 2002, als er bei der Präsidentenwahl nur knapp geschlagen wurde, arbeitet Morales beharrlich an seinem Ziel, über Wahlen an die Macht zu gelangen.

Aus seiner Bewunderung für Fidel Castro, aber auch für Hugo Chávez aus Venezuela und Luiz Inácio Lula da Silva aus Brasilien macht er keinen Hehl. "Uns ist es zu verdanken, dass es in Bolivien keine Guerillabewegung gibt", sagt er über seine Partei. Doch für die US-Regierung und viele konservative Bolivianer bleibt er ein rotes Tuch.

Seine Basis sind Kokabauern, Gewerkschafter und die urbane Linke. Aufgewachsen ist der Bauernsohn zusammen mit seinen sechs Geschwistern im kalten Andenhochland südlich von La Paz. Die Schule verließ er vor dem Abitur. Eine Dürre trieb ihn in die Kokaanbauregion Chapare, wo er sich bereits 1981 in der Bauerngewerkschaft engagierte und sich als Trompeter über Wasser hielt. Zehntausende entlassener Minenarbeiter suchten damals ihr Heil im Kokaanbau. 1994 wurde Morales Chef der Cocaleros, 1997 zog er ins Abgeordnetenhaus ein.

Die Erdgöttin Pachamama leite ihn, versichert Morales. Er bekennt sich zu Bescheidenheit, Gleichheit und gegenseitiger Hilfe, den Werten der Aymara und Quechua. Sein Vater habe ihm Respekt und Solidarität beigebracht, erzählt Morales: "Er sagte immer: Wenn du Essen hast, teilst du es mit den anderen." Als eine Dürre die Gemeinschaft heimsuchte, tauschte Dionisio Morales 50 seiner Schafe gegen Mais ein und verteilte das Getreide unter seinen Nachbarn - ein Schlüsselerlebnis für den elfjährigen Evo. (03.06.05)