GERHARD DILGER, PORTO ALEGRE



Hunsrücker unter Palmen

Der Süden Brasiliens feiert den Beginn der deutschen Einwanderung vor 180 Jahren

von Gerhard Dilger


Porto Alegre (epd). Am Sonntag zeigt Rio Grande do Sul gleich mehrfach Flagge: In allen 496 Gemeinden des südlichsten brasilianischen Bundesstaates wird neben den Nationalfarben auch Schwarz-Rot-Gold gehisst, dazu läuten Tausende Kirchenglocken. Denn vor genau 180 Jahren, am 25. Juli 1824, ließen sich die ersten 39 Einwanderer aus Deutschland in Südbrasilien nieder. Sie gründeten die Siedlung São Leopoldo, die inzwischen zu einer Industriestadt mit 200.000 Einwohnern heranwuchs.

Seinen Namen verdankt der Ort der damaligen Kaiserin Leopoldine, einer Tochter des österreichischen Kaisers Franz II., die 1816 den portugiesischen Kronprinzen und späteren brasilianischen Kaiser Pedro I. geheiratet hatte. Nach der Unabhängigkeit Brasiliens 1822 wollte das Kaiserpaar den Süden des Landes besser gegen Angriffe aus den spanischsprachigen Nachbarländern sichern - mit Hilfe deutscher Siedler und preußischer Söldner.

"Im Gegensatz zu den Siedlungen mit deutscher Beteiligung, die einige Jahre zuvor in Südbahia oder bei Rio de Janeiro entstanden, war São Leopoldo ein gezieltes Projekt", begründet der Historiker Telmo Lauro Müller, warum 1824 als Beginn der deutschen Einwanderung in Brasilien zu betrachten ist. Für den Süden des Landes markiere das Jahr eine regelrechte Zeitenwende. In den deutschen Handwerkern sieht Müller die Wegbereiter der späteren Industrialisierung.

Nach Schätzungen hat heute ein Viertel der gut zehn Millionen Einwohner des Bundesstaates Rio Grande do Sul deutsche Vorfahren. Allerdings können nur noch rund 500.000 Menschen deutsch sprechen oder wenigstens verstehen. Während in ländlich geprägten Kleinstädten und Tälern altertümliche Formen von Hochdeutsch, Hunsrückisch oder Pommerisch ebenso überlebt haben wie traditionelle Volkslieder und Tänze, ist in den Großstädten die Integration der Deutschen in die brasilianische Mischkultur so gut wie komplett vollzogen.

Die Anpassung wurde durch die so genannte Nationalisierung eingeleitet: Von 1937 an duldete der Diktator Getulio Vargas neben dem Portugiesischen keine anderen Sprachen mehr. Nachdem Brasilien 1942 auf Seiten der Alliierten in den Zweiten Weltkrieg eingetreten war, galten die Deutsch-Brasilianer urplötzlich als fünfte Kolonne der Nazis, wurden zum Teil angefeindet, umgesiedelt und interniert.

Den Traditionen der "Teuto-Gaúchos" setzten später auch die Verstädterung und die Allgegenwart des Fernsehens zu, bedauert Müller. Gaúchos, ursprünglich die Bezeichnung für Rinderhirten in Südbrasilien, werden heute alle Einwohner der Region genannt. Teuto steht für die deutsche Herkunft.

Unbefangen gehen etwa die Mitglieder des Sportclubs Sogipa, ehemals Deutscher Turnverein, in der Hafenstadt Porto Alegre mit der Geschichte um. Zwar werden alljährlich zum Oktoberfest Trachtenanzug und Dirndl aus dem Schrank geholt, doch der regelmäßigen Pflege des Brauchtums widmen sich nur noch die Senioren der "bayerischen Abteilung".

Wenn Jugendliche Deutsch lernen, dann nicht mehr zu Hause, sondern in der Schule. Sie empfinden ganz ähnlich wie der Tennisstar Gustavo Kuerten: "Dass ich von Deutschen abstamme, hat nichts zu bedeuten. Ich bin ein 100-prozentiger Brasilianer."


Deutsche Einwanderer in Brasilien

In Brasilien wird in diesem Jahr an die Geschichte der deutschen Einwanderung erinnert. Bereits 1818 und 1822 waren im heutigen Bundesstaat Bahia im Nordosten drei Kolonien entstanden, das Gros der Siedler ließ sich aber von 1824 an im Süden nieder. Am 25. Juli wird daher in São Leopoldo bei Porto Alegre der 180. Jahrestag der Ankunft der 39 ersten Deutschen gefeiert.

Bis 1829 trafen 4.800 Kolonisten aus dem Hunsrück ein. 1850 kamen Rheinländer, Pommern und Sachsen hinzu. Weitere Einwanderungswellen gab es um 1870 und 1890 sowie zwischen den Weltkriegen. Später flohen europäische Juden vor den Nationalsozialisten nach Brasilien. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen auch Nazis, darunter der ehemalige KZ-Arzt Josef Mengele, der unter falschem Namen in dem Land lebte.

Vor allem in den südlichen Bundesstaaten Rio Grande do Sul und Santa Catarina waren die Deutschen Pioniere, die meist ohne Rücksicht auf die indianische Urbevölkerung Wälder rodeten und Land urbar machten. Bis heute gelten die Deutsch-Brasilianer des Südens als besonders fleißig, zupackend und diszipliniert.

Bis 1940 kamen rund 250.000 Deutsche nach Brasilien, das entspricht etwa fünf Prozent aller Einwanderer. Während sie sich im abgelegenen Süden lange abkapselten, vollzog sich die Integration in den Städten rasch. Viel stärker als von Deutschen ist die brasilianische Kultur aber von Portugiesen, Italienern und Afrikanern geprägt worden.

In São Paulo waren Deutsche zunächst als Arbeiter auf Kaffeeplantagen und vom Ende des 19. Jahrhunderts an in Handwerk, Industrie und Handel tätig. Heute dürften etwa sechs Millionen der rund 180 Millionen Brasilianer deutsche Wurzeln haben. (21.07.04)