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GERHARD DILGER, PORTO ALEGRE
Zwischen Hoffnung und MisstrauenBolivianische Volksbewegung drängt auf ein Ende der neoliberalen Ära
Von Gerhard Dilger
Porto Alegre (epd). Auf tagelange bürgerkriegsähnliche Szenen folgte ein Volksfest: Koka-kauende Bergleute und bunt gekleidete Indianer aus dem Andenhochland, Arme und Mittelschichtler aus der Stadt feierten in der Regierungsstadt La Paz die ganze Nacht, dass ihr verhasster Präsident am Freitagabend das Weite gesucht hatte. Nachdem ihm seine konservativen Koalitionspartner und Teile des Militärs die Unterstützung entzogen hatten, blieb dem 73-jährigen Multimillionär Gonzalo Sánchez de Lozada nur noch der überstürzte Abflug in die USA.
Eine Welle der Hoffnung schien das Andenland am Samstag mit seinen knapp neun Millionen Einwohnern zu beflügeln. Schon bei seiner Antrittsrede am Vorabend im Parlament hatte der neue Präsident Carlos Mesa die richtigen Worte gefunden: Bolivien müsse die "legitimen Forderungen" seiner jahrhundertelang ausgegrenzten Einwohner akzeptieren, die ebenfalls "echte Bürger erster Klasse" sein wollten.
Mesa zollte denjenigen Respekt, denen er letztlich das höchste Staatsamt verdankt: Er fuhr 15 Kilometer bergauf nach El Alto, jener riesigen Armensiedlung, die sich in den vergangenen zehn Tagen zum Zentrum der Volksrebellion entwickelt hatte. "Meine Verpflichtung ist nicht Vergessen oder Rache, sondern Gerechtigkeit", sagte der neue Staatschef. Etwa 75 Tote hatte das brutale Vorgehen von Polizei und Militär gegen Demonstranten in El Alto und La Paz gefordert. Die Einsätze würden untersucht und die Verantwortlichen bestraft, versprach Mesa.
Anerkennung bekam er sogar von jenem Politiker, der sich in den vergangenen Jahren zum wichtigsten Kontrahenten der Zentralregierungen in La Paz entwickelt hat: Evo Morales, Oppositionsführer und Chef der "Bewegung zum Sozialismus". Carlos Mesa habe die Ansichten des bolivianischen Volkes wiedergegeben, sagte Morales. Jetzt sei die Zeit des "nationalen Wiederaufbaus".
Weitaus radikaler gibt sich Felipe Quispe, sein Rivale und Parlamentarierkollege von der indianischen Pachakuti-Bewegung. Für Quispe, der eine "Revolution" propagiert, ist auch der neue Präsident ein "Lakai" der USA." Sein tiefes Misstrauen gegen die weiße Machtelite teilen die meisten Bolivianer. Einig sind sich Quispe und Morales in der Ablehnung der neoliberalen Wirtschaftspolitik, die im vergangenen Jahrzehnt das Elend der Bolivianer verschärfte: Über 70 Prozent der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze.
Zunächst einmal ist Carlos Mesa auf die zentralen Forderungen der Opposition eingegangen: Über den umstrittenen Erdgas-Export in die USA soll es eine Volksabstimmung geben, deren Ergebnis er als bindend betrachten will. Durch die Einberufung einer Verfassunggebenden Versammlung will er das politische System reformieren und die soziale Lage der armen, vorwiegend indianischen Bevölkerung verbessern. Seinem Kabinett werden Indianer, nicht aber Vertreter der diskreditierten Parteien angehören.
Die Volksbewegungen werden den Übergangspräsidenten gleichwohl argwöhnisch beobachten. Carlos Mesa hat wenig Zeit. Sollte sich in drei Monaten nichts geändert haben, droht Quispe, werde auch der neue Staatschef von einem Volksaufstand hinweggefegt werden. (19.10.03)
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