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GERHARD DILGER, PORTO ALEGRE
Blutbad erschüttert BolivienSicherheitskräfte gehen mit großer Brutalität gegen Protestwelle vor
Von Gerhard Dilger
Porto Alegre (epd). Gonzalo Sánchez de Lozada steht mit dem Rücken zur Wand. Der 73-jährige Präsident und Multimillionär, der wegen seines in Nordamerika erworbenen Akzents "El Gringo" genannt wird, hat Bolivien in die tiefste Krise seit der Rückkehr zur Demokratie vor 21 Jahren geführt. Gegen die protestierende Bevölkerung setzen Soldaten und Polizisten seit dem Wochenende scharfe Munition ein. Nach Zeitungsberichten starben etwa 60 Menschen.
Auslöser der wochenlangen Kundgebungen und Straßenblockaden war der geplante Export von Erdgas in die USA und nach Mexiko. Kritiker wie der linke Oppositionsführer Evo Morales stören sich daran, dass nicht Bolivien der Löwenanteil der Gewinne zukommen soll, sondern dem spanisch-britisch-amerikanischen Konsortium Pacific LNG.
Das Erdgasgeschäft ist zum Inbegriff für die Privatisierungspolitik des liberalen Präsidenten geworden. Es wird von sämtlichen Gruppen attackiert, die sich seit Jahren gegen die "Fremdbestimmung" des Landes wehren. Es geht etwa um den "Drogenkrieg", den die Armee auf Geheiß Washingtons gegen die Kokabauern in den subtropischen Regionen Yungas und Chapare führt. Vor drei Jahren machte in der Großstadt Cochabamba eine Bürgerbewegung die Übertragung der Wasserversorgung an zwei Firmen aus Italien und den USA rückgängig. 2002 zogen so viele indianische Volksvertreter ins Parlament wie noch nie.
"Wir wollen Bolivien wieder zusammenführen", sagte der Gewerkschafter Roberto de la Cruz, der die Proteste in der 700.000-Einwohner-Stadt El Alto mitorganisierte, bevor er am Montag untertauchte. Er sprach von zwei Ländern: "Das einer kleinen Unternehmerelite, die die Rechtsparteien anführt, und das Bolivien der großen ausgegrenzten Mehrheit." Es sind Fakten, die auch die Weltbank untermauert: Rund sechs Millionen Menschen, meist indianischer Herkunft, leben in Armut - über 70 Prozent der Gesamtbevölkerung Boliviens.
Aus diesen Kreisen kommt der heftigste Widerstand gegen die Regierung: Von Kokabauern aus dem Tiefland, von Gewerkschaftern, Lehrern und Studenten, von kleinen Händlern, Rentnern und schließlich den Aktivisten der Stadtteilkomitees in El Alto, deren Generalstreik die Regierung mit Gewalt stoppen wollte.
Am Montag griffen die Straßenschlachten auf die nahe gelegene Regierungsstadt La Paz über. Wieder starben laut der Tageszeitung "La Razón" 20 Menschen im Kugelhagel von Polizei- und Armee-Einheiten, die mit Panzerfahrzeugen gegen die mit Steinen und Sprengkörpern bewaffneten Demonstranten vorgingen.
Vier Minister traten zurück, und auch Vizepräsident Carlos Mesa stellte sich gegen Sánchez de Lozada. Die katholischen Bischöfe appellierten an den Präsidenten, weiteres Blutvergießen zu verhindern. Sie geißelten die Unnachgiebigkeit der Regierung genauso wie die der Anführer der Proteste. Aufrufe zu Verhandlungen verhallten bislang. Wenig glaubwürdig ist auch das jüngste Dekret des Präsidenten, einen "Dialogprozess" über das Gasprojekt zu organisieren. Aber auch die Opposition ist sich uneins.
Sánchez de Lozada, der im vergangenen Jahr mit nur 22,5 Prozent der gültigen Stimmen gewählt worden war und mittlerweile noch unpopulärer ist, will eine internationale Verschwörung zur Errichtung einer "Gewerkschaftsdiktatur" ausgemacht haben. Rückendeckung bekam er aus den USA: Man unterstütze den Präsidenten bei seinen "Bemühungen, eine bessere und gerechtere Zukunft für die Bolivianer zu erreichen", hieß es aus dem Weißen Haus.(14.10.03)
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