GERHARD DILGER, PORTO ALEGRE



Temperamentvolle Streiterin für Toleranz

Die Sozialistin Michelle Bachelet wird neue Präsidentin in Chile

Von Gerhard Dilger


Porto Alegre (epd). Es sind bewegende Momente. Zu Beginn ihrer Siegesrede auf Santiagos Hauptverkehrsstraße Alameda erinnert Chiles künftige Präsidentin Michelle Bachelet an ihren Vater Alberto. Der Luftwaffengeneral starb 1974 in den Kerkern der Pinochet-Diktatur. "Von ihm habe ich die Liebe zu Chile und zu allen Chilenen unabhängig von ihrer Herkunft geerbt", sagt Bachelet. "Weil ich ein Opfer des Hasses war, habe ich mein Leben lang versucht, diesen Hass in Verständnis zu verwandeln, in Toleranz und Liebe."

Die Stichwahl am Sonntag hat die Sozialistin mit 53,5 Prozent der Stimmen klar für sich entschieden. Temperamentvoll, charismatisch ist die erste Frau, die in Südamerika zur Staatschefin gewählt wurde. Selbstmitleid war ihre Sache nie. "Ihr wisst", sagt die 54-Jährige vor Tausenden ihrer Anhänger, "ich habe kein leichtes Leben gehabt, aber wer hat das schon?"

Nach dem Tod des Vaters wurden auch Michelle Bachelet selbst und ihre Mutter 1975 festgenommen und gefoltert. Es folgte das Exil in der DDR. Die junge Chilenin studierte Deutsch in Leipzig, Medizin in Berlin. Sie heiratete einen Landsmann, brachte das erste ihrer drei Kinder zur Welt und kehrte 1979 nach Chile zurück. Sie wurde Kinderärztin und verfasste für die Sozialistische Partei Analysen über die Armee. Den bewaffneten Kampf gegen das Militärregime von Augusto Pinochet befürwortete sie ebenso wie ihr damaliger Freund, der Mitglied der kommunistischen Guerilla war.

Nach dem Ende der Diktatur 1990 durfte sie endlich im öffentlichen Gesundheitswesen arbeiten. 1995 stieg sie in die Parteiführung der Sozialisten auf und beschäftigte sich dort vor allem mit Militärpolitik. 2000 ernannte sie der sozialistische Staatschef Ricardo Lagos zur Gesundheitsministerin.

Gerne weist Bachelet auf die weibliche Perspektive in der Politik hin: Frauen seien praktischer und lebensnäher. "Ich bin Frau, Sozialistin, Opfer der Diktatur, religionslos und lebe getrennt", sagte Bachelet bei ihrem Amtsantritt als Verteidigungsministerin Anfang 2002 vor misstrauischen Generälen. "Aber wir werden gut zusammenarbeiten." Sie hielt Wort und trieb die mühsame Verständigung zwischen Militärs und Zivilgesellschaft geduldig voran.

Bachelet will nun vor allem auch die Kluft zwischen Arm und Reich verringern. Zuletzt erinnert sie diskret an Salvador Allende, der die Chilenen 1973 in seiner letzten Rede vor seinem Tod aufgefordert hatte, für eine bessere Zukunft zu streiten. Bachelet: "Als Chiles Präsidentin werde ich zusammen mit Ihnen ein weiteres Stück auf dieser großen Allee der Freiheit gehen, die wir allmählich geöffnet haben." (16.01.06)