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GERHARD DILGER, PORTO ALEGRE
Brasilien auf Atomkurs Regierung Lula macht sich für Kernenergie stark - Deutsch-brasilianisches Abkommen in der Diskussion
von Gerhard Dilger
Porto Alegre (epd). Als es hell wurde in Rio de Janeiro, schritten die zehn jungen Männer und Frauen zur Tat. Sie schweißten ein Gitter fest und ketteten sich am Haupteingang des Hochhauses an, in dem die Verwaltung der staatlichen Atomfabrik INB ihren Sitz hat. "Schluss mit dem atomaren Abenteuer!" forderten die Greenpeace-Aktivisten. Ihr Protest vom Dienstag blieb nicht ohne Wirkung: Er brachte den regierungsinternen Streit um den Atomkurs Brasiliens ans Licht.
Die Demonstranten in orangefarbenen Overalls wurden festgenommen und erst am Abend nach Zahlung einer Kaution auf freien Fuß gesetzt. Schnell kamen die Politiker in Bewegung. Wissenschafts- und Technologieminister Eduardo Campos hatte sich vorgewagt und musste nun zurückrudern: Er ließ mitteilen, die Regierung plane nun doch nicht den Bau von vier neuen Atomkraftwerken in Nordostbrasilien.
In der vergangenen Woche hatte der Minister gezielt das genaue Gegenteil verbreitet. In zwölf Jahren wolle Brasilien ein Viertel seiner Stromproduktion aus Kernkraft bestreiten, behauptete er damals. Heute sind es gut vier Prozent. Inzwischen fand die Regierung des sozialistischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva zu einer Sprachregelung: Bis Ende des Jahres soll lediglich die Entscheidung fallen, ob der Siemens-Meiler Angra 3 gebaut wird. Dessen Bauteile lagern seit gut 20 Jahren an der Küste südlich von Rio, neben dem baugleichen Kernkraftwerk Angra 2, das vor vier Jahren ans Netz ging.
Angra 1 ist US-amerikanischer Bauart und stammt aus den 80er Jahren. Ökonomisch wurde der zweite Meiler für das hochverschuldete Brasilien zum Desaster: Angra 2 ist das sichtbarste Ergebnis des deutsch-brasilianischen Atomabkommens von 1975, aber der Reaktor verschlang mindestens zehn Milliarden US-Dollar.
Es sind vor allem wirtschaftliche Gründe, die die Fertigstellung von Angra 3 bislang verhindert haben: Der teure Bau würde zu höheren Strompreisen führen. Andererseits warnen Experten, bei einer anhaltenden Wachstumsphase könne es wie schon 2001 zu monatelangen Engpässen bei der Energieversorgung kommen. Bislang kommt in Brasilien mehr als 80 Prozent des Stroms aus Wasserkraft.
In der bundesdeutschen rot-grünen Koalition gibt es nun Überlegungen, das Abkommen zur Förderung erneuerbarer Energien umzuwidmen. Wenn es nicht bis 18. November gekündigt wird, verlängert es sich automatisch um weitere fünf Jahre. Wind- oder Sonnenenergie würden bislang vernachlässigt, bedauert der brasilianische Umweltpolitiker Fernando Gabeira: "Ähnlich wie George W. Bush glaubt Präsident Lula wirklich, dass Ökologie das Wirtschaftswachstum behindert."
Darüber hinaus erhalte die Demonstration "militärischer Macht" in der Außenpolitik wieder stärkeres Gewicht, so Gabeira. Brasilien verfügt auch über große Uranvorkommen und hofft auf Exporterfolge. Gabeira kritisiert die Regierungsentscheidung, den Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde den Zutritt zu den Zentrifugen zu verweigern, dem Kernstück einer Urananreicherungsanlage bei Rio.
Der Streit mit der UN-Behörde stand auch auf der Tagesordnung, als vor kurzem US-Außenminister Colin Powell von Staatschef Lula empfangen wurde. Bislang besteht Brasilien darauf, die in den vergangenen 20 Jahren entwickelte Technologie geheim zu halten. Der in den USA geäußerte Verdacht, die Anlage könne rasch zur Produktion nuklearer Sprengköpfe umgerüstet werden, weist Wissenschaftsminister Campos als "Verleumdung" zurück. "Wir werden die Kernkraft nur friedlich nutzen", sagt er. Das sei allgemein anerkannt und stehe in der Verfassung.
(28.10.04)
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