GERHARD DILGER, PORTO ALEGRE



Zankapfel Agrosprit

In Brasilien ist der Anbau von Energiepflanzen für die Treibstofferzeugung umstritten

Von Gerhard Dilger


Porto Alegre (epd). Ihre Anhänger verklären sie zu Wunderwaffen gegen Energieknappheit, Klimawandel und Armut in den Ländern des Südens. Kritiker weisen auf die Gefahren für Kleinbauern und Regenwälder hin. Kaum ein entwicklungspolitisches Thema wird derzeit so kontrovers diskutiert wie die Chancen und Risiken von Agrotreibstoffen. Zu den führenden Ländern in Produktion und Entwicklung gehört Brasilien.

Präsident Luiz Inácio Lula da Silva schwärmt bei jeder Gelegenheit von der "Revolution", die der massive Anbau von Energiepflanzen wie Zuckerrohr in seiner Heimat und in weiteren 120 Ländern bewirken werde. Dass er neuerdings in aller Welt als Handelsvertreter der brasilianischen Zuckerbarone auftritt, erklärt er so: "Ich reise viel, denn wer etwas verkaufen will, muss für sein Produkt werben".

In der Herstellung von billigem Ethanol aus Zuckerrohr ist Brasilien bereits seit gut 30 Jahren unangefochtener Marktführer. 2006 wurden in dem südamerikanischen Land 17,7 Milliarden Liter des Treibstoffs produziert. Der Löwenanteil ist noch für die Benzin-Beimengung auf dem heimischen Markt bestimmt, doch auch die Exporte wachsen rasch.

Im Bundesstaat São Paulo schuften hunderttausende Wanderarbeiter unter härtesten Bedingungen für die Ethanolproduktion. Die wasserfressenden Zuckerrohr-Monokulturen breiten sich immer weiter aus - und damit der Einsatz von Pflanzengiften und die Gefährdung des Regenwalds.

Der zweite Baustein von Lulas "Energierevolution" heißt Agrodiesel - in drei Jahren soll in Brasilien dem herkömmlichen Brennstoff mindestens fünf Prozent Diesel pflanzlichen Ursprungs beigemischt werden. Jeder Analphabet könne ein 30 Zentimeter tiefes Loch graben, einen Samen einpflanzen und nach einigen Monaten "Öl ernten", behauptet der Präsident.

Ganz so einfach ist es allerdings nicht, denn das Pflanzenöl muss anschließend wie Erdöl raffiniert werden. In der Gemeinde Apiacás am südlichen Rand des Amazonasbeckens, deren komplette Stromversorgung über Diesel-Generatoren garantiert wird, hoffen Lokalpolitiker auf die Gewinnung von Agrodiesel aus der kakaoähnlichen Frucht Cupuaçu. Daniel Lorette da Silva pflanzt bereits seit 14 Jahren Cupuaçu an und liefert das wohlschmeckende Fluchtfleisch an die örtlichen Schulen. Damit verdient der Kleinbauer knapp 400 Euro im Monat - zu wenig, um teure Maschinen zur Weiterverarbeitung der Frucht kaufen zu können.


Außerdem ist er fast ein Einzelkämpfer. Die Umsetzung von Agrodieselprojekten, bei denen Kleinbauern mehr sind als rechtlose Zulieferer, erfordert viel politischen Willen, Ausdauer - und Mittel, die den Urwaldgemeinden fehlen. Viel attraktiver ist das schnelle Geld, das sich mit der Rodung des Regenwaldes und dem Holzeinschlag verdienen lässt.

Auch in Nordostbrasilien, wo die Regierung seit 2005 in großem Stil auf die Gewinnung von Agrodiesel aus Rizinusöl setzt, ist die Zwischenbilanz ernüchternd. Den dortigen Ölfirmen winken Steuernachlässe und günstige Kredite, wenn sie ihren Rohstoff von Kleinbauern beziehen. Doch die Rizinusproduktion bleibt weit hinter den Erwartungen zurück. Daher wird jetzt über Tausende von Kilometern Sojaöl angekarrt - von den Plantagen großer Agrarkonzerne. Zusätzlich importiert Brasilien Palmöl aus Malaysia.

Hinzu kommt: Wo Rohstoffe für Agrosprit wachsen, könnten bald Anbauflächen für Nahrungsmittel fehlen. Die Preise für Lebensmittel steigen in Brasilien bereits spürbar. "Wir nehmen den Menschen das Essen weg, um Autos zu ernähren", warnt der Dominikanermönch Frei Betto. (28.08.07)